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Die brillante Mademoiselle Ne la
Die brillante Mademoiselle Ne la
© 20th Century Fox © SquareOne

Kritik: Die brillante Mademoiselle Neïla (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Regisseur hat einen ähnlichen biografischen Hintergrund wie seine weibliche Hauptfigur. Wie Yvan Attal stammt auch Neïla Salahs (Camélia Jordana) Familie aus dem Maghreb und wächst in Créteil, in der südöstlichen Banlieu von Paris auf. Dennoch ist "Die brillante Mademoiselle Neïla" mehr als nur ein Film über sozialen Aufstieg. Dem Schauspieler, der seit zwei Jahrzehnten Regie führt, geht es auch um das französische Kulturerbe. Vor allem aber geht es ihm um eine offene, lustvoll und differenziert geführte Streitkultur.

Das wird schon im Vorspann klar, wenn in einer kurzen Montage aus alten Fernsehinterviews Sänger, Politiker und Philosophen über die französische Kultur und Sprache, über Provokationen und menschliche Faulheit referieren. Dabei nehmen sie auch Begriffe in den Mund, die längst nicht mehr politisch korrekt sind. Wie sind diese heute zu bewerten? Wo hört die Meinungsfreiheit auf, wo fängt Beleidigung an? Wie viel Provokation muss sich eine demokratische Gesellschaft zumuten? Und behält in einer Debatte recht, wer über die besseren Argumente oder wer über die besten rhetorischen Mittel verfügt? Yvan Attal spielt diese Fragen anhand eines aufgeheizten Hochschulbetriebs durch.

Aufgrund seines Themas ist "Die brillante Mademoiselle Neïla" ein sehr redseliges, aber auch ein wortgewandtes Drama. Dank Rémy Chevrins Kamera sehen die Rededuelle ansehnlich aus. Obwohl Attal sie ganz klassisch als Schuss und Gegenschuss inszeniert, langweilen die Dialoge nie. Der Regisseur verlangt seinem Publikum allerdings ein ganz genaues Hinhören ab. Es kommt ihm auf sprachliche Feinheiten an. Und das Publikum muss manche schnell gefasste Meinung am Ende eventuell revidieren.

So scheint Professor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) auf den ersten Blick, ein lupenreiner Rassist zu sein. Der Verlauf des Films legt jedoch ein etwas differenzierteres Bild offen. Es ist das Bild eines sich selbst hassenden Kulturpessimisten, der aus purer Lust an der Provokation provoziert. Sein rhetorisches Handwerkszeug wendet er perfekt an, formuliert absichtlich so, dass er falsch verstanden wird, man ihm genau genommen, aber auch nichts nachweisen kann.

Hier zeigt sich die ganze Stärke von Victor Saint Macarys und Yaël Langmanns Drehbuch, das Yvan Attal und später Noé Debré gemeinsam mit den Autoren überarbeiteten. Weder Pierre Mazard noch Neïla Salah und die Kreise, in denen sie sich bewegen, sind eindimensional und klischiert. Mazard mag ein Kulturpessimist sein, aber einer der mit der Zeit geht. Er kann Smartphones verteufeln und doch eines nutzen. Neïla kann ihren Problembezirk hinter sich lassen und durch ihre Beziehung zum Taxifahrer Mounir (Yasin Houicha) dort doch tief verwurzelt bleiben. Attals Drama mit tragikomischen Zügen zeigt die Menschen in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit, die genauer betrachtet gar nicht so widersprüchlich ist.

Attals Drama lebt von seinen pointierten Dialogen und der Chemie zwischen den Hauptdarstellern. Camélia Jordana und Daniel Auteuil spielen sich gekonnt aneinander ab. Vor allem auf Jordana, die schon in Sou Abadis "Voll verschleiert" (2017) ihre große Klasse zeigte, wird künftig zu achten sein. Gegen Ende, je mehr sich die beiden Protagonisten einander annähern und die Provokationen dadurch geringer werden, verliert Attals Film aber deutlich an Witz, Verve und Brillanz.

Fazit: Yvan Attals "Die brillante Mademoiselle Neïla" nimmt unsere gereizte Zeit anhand des aufgeheizten Hochschulbetriebs auf die Schippe und unter die Lupe. Sein tragikomisches Drama ist gleichzeitig eine Feier der Sprache und all ihrer Feinheiten. Die Hauptdarsteller spielen sich gekonnt aneinander ab. Gegen Ende verliert der Film allerdings deutlich an Witz, Schwung und die Lust an der Provokation.




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