VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Golden Twenties (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Regiedebüt räumt Sophie Kluge mit der Vorstellung auf, dass die Welt den akademisch gebildeten jungen Menschen zu Füßen liegt. Nur weil Ava ihr Studium absolviert hat, heißt es noch lange nicht, dass ihr weiterer Lebensweg klar vorgezeichnet vor ihr liegt. Weil sie keine Berufserfahrung hat, bekommt sie keine Anstellung, aber auch kein Praktikum, denn dafür müsste sie noch Studentin sein, wie ihr eine Frau beim Bewerbungsgespräch erklärt. Die Heldin dieses melancholisch-nachdenklichen Dramas findet sich in einer Situation ohne feste Bezüge wieder, die sich zu einer regelrechten Krise auswächst.

Sophie Kluge ist die Tochter des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge. Sie verfügt über Erfahrung am Theater, hat Kurzspielfilme gedreht und das Drehbuch von "SMS für dich" mitverfasst. "Golden Twenties" ist konsequent aus der Perspektive der Heldin Ava erzählt, die das Theater während ihrer Hospitanz als eine unsichere, von Querelen, Rivalitäten und Machtkämpfen durchsetzte Welt erlebt. Möglicherweise fällt Ava dort in Ungnade, weil ihr der Frauenschwarm Jonas schöne Augen macht. Ava lernt zugleich, dass auf Männer, auf ihre heftigen und dennoch zuweilen schwankenden Gefühle nicht unbedingt Verlass ist.

Eine wachsende Irritation beschleicht die sensible Ava, die erkennt, dass sie sich niemandem anvertrauen kann. Die Mutter ist, wie die anderen Menschen in ihrem Umfeld auch, mit sich selbst beschäftigt und wirkt merkwürdig sprunghaft. Henriette Confurius spielt Ava sehr überzeugend als ratlose, zunehmend desillusionierte Person, die glauben muss, dass sie das Leben irgendwie an den Rand gespült hat. Die Welt der behüteten Jugend gibt es nicht mehr, und wie man sich eine Existenz als Erwachsene aufbaut, erscheint ihr wie ein Rätsel, das sie von den anderen, den Eingeweihten und Angekommenen, trennt.

Die Stärke dieses stillen Films liegt in den beiläufigen Irritationen, die Ava erlebt und die sich klaren, sprachlichen Formulierungen entziehen. Wenn sie heimkommt, steht mal ein riesiger Karton im Weg, mal hängt die Kette an der Tür und verwehrt ihr den Zugang. Sie könnte solche Dinge als enervierend betrachten und gleich wieder abhaken, aber sie lässt sich von ihnen treffen, versteht sie als Zeichen, dass ihr Platz nicht mehr sicher ist. Die Angst und Traurigkeit, die Ava beschleicht, teilt sich dem Publikum ungefiltert mit und stimmt nachdenklich. Mit Avas Augen betrachtet, wirkt die Gesellschaft kalt und ziemlich unsympathisch.

Fazit: In ihrem Spielfilmdebüt vertieft sich die Regisseurin Sophie Kluge mit viel Gespür für die Macht beiläufiger Irritationen in die Unsicherheit, die eine junge Hochschulabsolventin erlebt. Henriette Confurius glänzt in der stillen, introvertierten Hauptrolle der sensiblen Ava, deren altes Umfeld sich verändert hat. In dieser Lebensphase braucht sie einen Beruf und wünscht sich eine Beziehung, aber sie scheint weder Glück zu haben noch die geheimen Spielregeln zu kennen.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.