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LOMO: The Language of Many Others
LOMO: The Language of Many Others
© farbfilm verleih

Kritik: LOMO: The Language of Many Others (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Julia Langhof vertieft sich in das Leben eines Abiturienten, der in seiner Internet-Community mehr Rückhalt findet oder zu finden glaubt, als in seiner realen Umgebung. Dabei greift das Drama zwei verschiedene Zeitphänomene kritisch auf. Zum einen ist der Hauptcharakter Karl vom Wohlstand und der Sorgenfreiheit seines jungen Lebens ziemlich gelangweilt. Es gibt offenbar nichts, wonach er strebt, auch schon das Ziel, das Abitur zu schaffen, hat für ihn keine Bedeutung. Zum anderen hat Karl, wie so viele seiner Generation, den Eindruck, dass ihm erst die sozialen Netzwerke im Internet die Möglichkeit geben, er selbst zu sein. Er benutzt sein Video-Blog dazu, sich kritisch von der Gesellschaft und der eigenen Familie zu distanzieren und von den eigenen Schwächen und Problemen abzulenken.

Jonas Dassler verleiht dem introvertierten Karl eine überzeugende Präsenz. Karl will sich überlegen fühlen, gibt sich gerne ironisch und kühl, wie sein arroganter Vater. Aber er hat nicht wirklich zu einer eigenen Sprache gefunden. Überhaupt fällt die Kälte und Distanz auf, die in diesen Wohlstandsfamilien zwischen den Eltern und ihren jugendlichen Kindern herrscht. Nicht nur Karl und sein Vater, auch Doro und ihre Mutter (Julika Jenkins) haben ein schwieriges Verhältnis. Den Erwachsenen sind ihre eigenen Probleme wichtiger als zu erfahren, was ihre Kinder bewegt. So verwundert es nicht wirklich, wenn Karl in der Internet-Community eine Ersatzfamilie sucht oder einfach nur Leute, die ihn beachten.

Die stilistische Gestaltung des Films trägt maßgeblich dazu bei, ihn spannend und dynamisch wirken zu lassen. Sie passt sich dem Inhalt sehr kreativ an, indem beispielsweise wiederholt die Stimmen der Follower erklingen, die Karls Beiträge kommentieren und ihm irgendwann sogar buchstäblich den Weg weisen. Mit seiner angehefteten Mikrokamera und den Ohrhörern hat er stets das Gefühl, von anderen wohlwollend begleitet zu sein. Und dennoch ist diese technisch hergestellte Nähe emotional trügerisch, gar irreführend… Julia Langhofs Drama ist ein interessanter Beispiel für junges Kino, das die Probleme seiner Protagonisten ernst nimmt.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der Regisseurin Julia Langhof vertieft sich kritisch in die Lebenswelt eines blasierten Gymnasiasten, der seinen Internet-Blog als Ventil benutzt, um sich für erlebte Kränkungen zu rächen. Die kreative stilistische Gestaltung verleiht dem Drama eine junge Dynamik und unterstützt den Spannungsaufbau gekonnt. Jonas Dassler überzeugt in der Rolle des introvertierten Jugendlichen, der seine Einsamkeit und Unsicherheit mit prekären Mitteln bekämpft. Dabei wird deutlich, wie trügerisch die in seiner Generation verbreitete Hoffnung ist, im Internet bessere soziale Kontakte zu finden als in der realen Umgebung.




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