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Drei Gesichter
Drei Gesichter
© Weltkino Filmverleih / Jafar Panahi Film Production

Kritik: Drei Gesichter (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Jafar Panahi arbeitet seit längerer Zeit unter erschwerten Bedingungen. Da er sich in vielen seiner Filme kritisch mit der Politik und dem repressiven Gesellschaftssystem seiner Heimat auseinandersetzte, wurde er vor acht Jahren zu einer Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt. Dennoch gelang es dem 58-jährigen Regisseur, der mit seinem letzten Film "Taxi Teheran" (2015) auf der Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde, das sozialkritische Werk "Drei Gesichter" zu realisieren. Und mehr noch: "Drei Gesichter" erlebte seine Weltpremiere im Sommer 2018 in Cannes und wurde dort mit dem Preis für das beste Drehbuch bedacht.

In "Drei Gesichter" übt Panahi ganz unverhohlen und auf bissige Weise Kritik an der frauenfeindlichen, diffamierenden Gesellschaft seiner Heimat. Er tut dies unter dem Deckmantel einer schrägen Komödie, die von ebensolch schrägen, bizarren Figuren bevölkert wird. Schnell merken Panahi und Behnaz, dass in dem Bergdorf etwas nicht stimmt und – wie die Schauspielerin an einer Stelle korrekt bemerkt – "alles inszeniert" wirkt. Als Zuschauer wundert man sich oft über die skurrilen Gepflogenheiten und merkwürdigen Verhaltensweisen der Bewohner, die Panahi freilich hier und da überzogen darstellt und bewusst karikiert – die aber dennoch auf die wahren, verkrusteten Traditionen und die abergläubischen Strukturen verweisen, die in dieser von Männern dominierten Welt herrschen.

Da wäre zum Beispiel ein Dorfbewohner, der Behnaz die in Salz eingelegte Vorhaut seines Sohnes mit auf den Weg gibt, in dem Wunsch, sie und Panahi mögen diese in Teheran an einem passenden Ort vergraben. Seine Hoffnung: aus dem Sohn möge dadurch später ein starker, fähiger Mann werden. In einer anderen Szene huldigen einige ältere Dorfbewohner den Geschlechtsteilen eines Zuchtbullen, in dem sie dessen Eier als "wahres Wunder" bezeichnen. In all diesen Momenten kommentiert Panahi auf überspitze, aber ebenso mutige wie wahrhaftige Art das im Dorf herrschende Mikro-Patriachiat, welches sich auf das ganze Land übertragen lässt.

Letztlich überlässt der Regisseur hier aber den Frauen das Ruder, in diesem Fall: Behnaz. Panahi kommentiert oft aus dem Off, ist immer wieder für viele Minuten nicht im Bild zu sehen und hält sich stattdessen – schlafend oder essend – im Auto auf. Die Botschaft dahinter: Frauen können die Dinge genauso gut regeln wie Männer, vielleicht sogar besser.

Fazit: Mutiger, schwarzhumoriger Kommentar zum restriktiven, diskriminierenden Umgang mit Frauen und den rückständigen Gesellschaftssystemen vieler islamischer Republiken.




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