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Kritik: Das Geheimnis von Neapel (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

So wichtig der Ton im Film auch sein mag, mit dem Medium verbindet man primär das visuelle Erleben. Es kommt nicht nur darauf an, was die Figuren auf der Leinwand und das Publikum im Kinosaal sehen, sondern immer auch darauf, was ihnen der Regisseur vorenthält. Ferzan Ozpetek ist sich dieser Anordnung bewusst und spielt wiederholt stilvoll auf sie an. Schon das gewundene Treppenhaus, mit dem er in einer elegant gleitenden Plansequenz seinen Film eröffnet, sieht aus wie ein Auge. Und auch später werden Augen, wird das Betrachten und das Betrachtetwerden eine entscheidende Rolle spielen.

Ozpeteks Kino – von "Hamam" (1997) über "Männer al dente"(2010) bis "Istanbul Kirmizisi" (2017) – schwelgt in schönen Bildern, in Architektur, Mode und Körpern. Stammkameramann Gian Filippo Corticelli lässt nach Rom, Lecce und Istanbul nun auch Neapel in warmem Licht erstrahlen. Barocke Räume stehen neben spartanisch durchdesignten, Kirchen und Museen neben Einkaufsstraßen und Konsumtempeln, das wogende Meer neben gewundenen Gassen, in denen sich die Protagonistin immer tiefer verläuft. Neben der grandios aufspielenden Giovanna Mezzogiorno ist Neapel, in der Aberglaube und Wissenschaft keinen Widerspruch bilden, die heimliche Hauptdarstellerin.

Diesen Stilpluralismus, der jede über Jahrhunderte gewachsene Stadt auszeichnet, macht sich auch Ozpeteks Film zu eigen. Je nach Situation untermalt Komponist Pasquale Catalano die Einstellungen mal mit schweren Bläsern, mal mit südländischen Gitarren, mal mit dem flotten Akkordeon eines Tangos. Und auch das Drehbuch, das der Regisseur gemeinsam mit Gianni Romoli und Valia Santella geschrieben hat, schlägt unzählige Haken. Was als Liebesfilm beginnt und unversehens zum Thriller mutiert, entpuppt sich als mysteriöses Melodram samt psychologischer Charakterstudie, in der die Hauptfigur am Ende in ihren eigenen Erinnerungen steht.

Dieser seltsam anmutende Mix ist ein wenig zu viel des Guten, entwickelt aber durchaus einen faszinierenden Sog. Während das familiäre Geheimnis gelüftet wird, tut Ozpetek gut daran, den Mord nicht aufzuklären. Auch die rätselhafte Schönheit Neapels besteht über den Schluss hinaus. Und in seinen Liebeszenen hat sich der Filmemacher eine Sinnlichkeit und Körperlichkeit bewahrt, die einem Großteil des Genrekinos, etwa dem prüden US-amerikanischen, längst verloren gegangen ist.

Fazit: Wer einen Thriller erwartet, wird von Ferzan Ozpeteks jüngstem Film enttäuscht. "Das Geheimnis von Neapel" ist ein rätselhafter Genre- und Stilmix, der zwar nicht vollends überzeugt, aber einen kraftvollen Sog entwickelt und jede Menge Sinnlichkeit verströmt.




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