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Kritik: My Zoe (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Julie Delpy ist nicht nur als Schauspielerin bekannt, sondern auch als Regisseurin ("Die Gräfin"). In diesem in der nahen Zukunft spielenden Drama, das sie nach eigenem Drehbuch inszeniert hat, übernimmt sie auch die Hauptrolle. Die Geschichte über eine Mutter, die von der Medizinwissenschaft einfordert, die verlorene Tochter noch einmal auf die Welt zu bringen, wirft spannende Fragen auf. Bereits heute können Leute ihre verstorbenen Hunde und Katzen für viel Geld klonen lassen. Auch das Klonen von Menschen dürfte also, wäre es denn erlaubt, technisch bald kein Problem mehr sein.

Das Drama ist in drei sehr unterschiedliche Akte gegliedert, die jeweils eine eigene Gefühlslage erzeugen. Zuerst lernt man Isabelle als eine äußerst liebevolle Mutter kennen. Mit ihren Problemen, Beruf und Betreuung zu vereinbaren und sich dabei mit dem Ex-Mann abzusprechen, wirkt sie wie aus dem Leben gegriffen. Auch die Art, wie sie und Zoes Vater James sich streiten und wie er ihr wegen seiner seelischen Wunden grollt, überzeugt mit ihrer Realitätsnähe. Und dann, am Krankenbett der Tochter, die wohl nicht mehr erwachen wird, stehen beide vor der Erkenntnis, wie hinfällig all diese Streitpunkte auf einmal sind.

Delpy verleiht Isabelle im Umgang mit dem Schicksalsschlag etwas merkwürdig Unnahbares, als fürchte sie, die Stimmung könne zu sehr in Tragik abgleiten. Als Regisseurin verlangt sie ihrem Schauspiel eine Wendung ab, die die Zuschauer abzuhängen droht. Diese Isabelle entspricht nicht mehr so ganz dem mütterlichen Bild, das man sich von ihr gemacht hat.

Im dritten Akt steht Isabelles Kontakt mit dem Arzt Thomas Fischer im Vordergrund. Daniel Brühl spielt ihn als Forscher, den es reizt, das Mögliche wahrzumachen. Ihre Dialoge schneiden wichtige moralische Themen an. Warum, fragt er, nimmt sie nicht ein Waisenkind auf? Wird, so könnte man nach dem Film weiterfragen, der Tod eines Tages nur noch Arme treffen, während andere sich die Nachbildung geliebter Menschen leisten? Isabelles Haltung erscheint aber auch nachvollziehbar, denn warum soll ein Mensch nicht seinem Herzen folgen, wenn es niemandem wehtut? Obwohl der Film etwas sperrig inszeniert ist, zeigt er auf intelligente Weise auf, dass der wissenschaftlich-technologische Fortschritt moralische Gewissheiten gründlich ins Wanken bringen wird.

Fazit: Julie Delpy ist in diesem sehr aktuell wirkenden, kontroverse Diskussionen anregenden Drama nicht nur die Hauptdarstellerin, sondern führt auch Regie nach eigenem Drehbuch. Die in der nahen Zukunft angesiedelte Geschichte schlägt einen großen, emotional nicht immer leicht nachvollziehbaren Bogen von einer glücklichen Mutter-Kind-Beziehung zu einem Elternpaar, das von einem Schicksalsschlag erschüttert wird, bis hin zum Wunsch der Mutter, die Klonmedizin zu bemühen. Trotz holpriger Wendungen fesselt der intelligente Film und wühlt auf, indem er vor Augen führt, wie sehr der medizinische Fortschritt an den Grundfesten menschlichen Selbstverständnisses zu rütteln beginnt.




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