VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Alles ist gut
Alles ist gut
© NFP marketing & distribution

Kritik: Alles ist gut (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Da steht sie also, diese Frau im Baumarkt und sieht sich, über ihren vollen Einkaufswagen gebeugt, auf einem kleinen Bildschirm ein Werbevideo an. Das Produkt sei "besonders kratzfest" heißt es im Spot. Unter diesem Slogan könnte sich auch Janne (Aenne Schwarz) verkaufen, macht sie sich und der Welt doch glauben, dass ihr nichts und niemand etwas anhaben könne. Bei ihr ist immer alles gut, selbst wenn gerade alles schiefläuft.

"Alles ist gut" ist Eva Trobischs Langfilmdebüt, und in der oben beschriebenen Eingangsszene ist eigentlich schon alles enthalten: die Unmittelbarkeit, mit der die Regisseurin und Drehbuchautorin ihr Publikum einen kurzen Blick auf das Leben ihrer Protagonistin werfen lässt, bevor sie dieses Leben ebenso unvermittelt einfach wieder verlässt; Julian Krubasiks unaufgeregte, stets agile Kamera, die in den emotionalen Momenten nah an die Figuren heranrückt; die kleinen Metaphern, die wie der Claim in der Baumarktreklame auch immer Jannes Situation spiegeln. Hinzu kommt Trobischs Skript, das Jannes innere Eskalation durch äußere Einflüsse minutiös steigert.

Diese Janne ist eine intelligente, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau; alles andere als ein Opfer. Ihr Leben, hier kommt die nächste Verbildlichung ins Spiel, gleicht einer Baustelle. Nach der Vergewaltigung macht sie zunächst unbeirrt weiter. Doch ihr Unbehagen, ihre Verstimmungen (wie das alte Klavier im neuen Heim in Niederbayern) brechen immer wieder durch. Wie Aenne Schwarz diese winzigen, langsam den gesamten Körper erfassenden Ausbrüche spielt, ist fabelhaft.

Eva Trobisch hat die Arbeit an ihrem Drama vor der #MeToo-Debatte begonnen. Ihre klug und lebensnah geschriebene Hauptfigur zeigt eine von vielen möglichen Reaktionen auf eine Vergewaltigung. Und die hat vielen Zuschauer*innen nicht gefallen, wie Trobisch in verschiedenen Interviews angemerkt hat. Das Publikum sei zwiegespalten. Während die einen Jannes Verhalten kategorisch ablehnen würden, erkennten sich die anderen in ihr wieder.

Diese Ambivalenz ist eine große Stärke. Trobischs Figuren sind voller Widersprüche, vor allem aber sind sie allesamt zutiefst verunsichert, egal wie gefestigt und lebenserfahren sie auf den ersten Blick erscheinen. Auch Täter Martin (Hans Löw) ringt mit seinem Fehlverhalten, wischt es nicht einfach weg. Piet (Andreas Döhler) ist Jannes Verletzungen gegenüber blind, nicht nur ihres Schweigens, sondern seiner Eigenliebe wegen. Von allen handelnden Personen ist er die unsicherste, ein großes Kind, das den beruflichen Pragmatismus seiner Freundin als persönlichen Verrat, als Beleidigung begreift.

Am spannendsten von allen ist freilich Janne. Während sie in eigener Sache untätig bleibt, durch einen Gang zu den Behörden, durch Konversationen über das Geschehene nicht ein zweites Mal zum Opfer werden will, mehr noch: erst gar nicht zum Opfer wird, weil sie die Deutungshoheit behält, greift sie ins Leben ihres Chefs Robert (Tilo Nest) ein. Ihm erteilt sie all die Ratschläge, die sie sich selbst verwehrt. Wie dieses Verhalten zu bewerten ist, überlässt Eva Trobisch ganz ihrem Publikum.

Fazit: "Alles ist gut" ist ein mutiger Film über ein wichtiges Thema zur richtigen Zeit. Regisseurin und Drehbuchautorin Eva Trobisch wirft einen differenzierten, vorurteilsfreien Blick auf ihre ambivalenten Figuren. Die reduzierten formalen Mittel rücken die Darstellerleistungen in den Vordergrund, allen voran die der hervorragend aufspielenden Aenne Schwarz.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.