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Kritik: Touch Me Not (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wie an so vielen Berlinale-Gewinnern der vergangenen Jahr(zehnt)e scheiden sich auch an Adina Pintilies "Touch Me Not" die Geister. Während die einen den Film als "zwingende, von innen kommende Suche nach einer Körperlichkeit" (Die Zeit), als "mutiges Kino, das einen im besten Sinne berührt" (Spiegel Online) hoch schätzen, ihm eine "unter die Haut gehende Meisterleistung" (The Hollywood Reporter) bescheinigen, ist er für andere ein "ungenießbarer Arthouse-Europudding" (Berlinale-Blog epd-Film), eine "flache, selbstzufriedene und verquere Verschmelzung von Ehrlichkeit und sexuellem Exhibitionismus" (The Guardian), die die Ernsthaftigkeit ihrer Agenda durch "übertriebenen Unfug" unterminiere (Indiewire).

Dass Pintilies Langfilmdebüt so konträre Rektionen hervorruft, hat etwas mit der gesellschaftspolitischen Gemengelage im Frühjahr und Spätherbst 2018 zu tun. Aktuelle Debatten wie die #MeToo-Bewegung könnten diesem Drama, in dem eine Frau ihre fragile Sexualität erforscht, eine längere Halbwertszeit bescheren als manchem anderen, schnell vergessenen Preisträger. Angesichts Pintilies wenig subtiler filmischer Versuchsanordnung und deren geradezu klinisch-aseptischer Vermittlung muss die Frage jedoch erlaubt sein, ob die Berliner Jury mit "Touch Me Not" wieder einmal nicht den besten, sondern denjenigen Film ausgezeichnet hat, der am besten zum derzeitigen politischen Klima passt.

Dabei ist "Touch Me Not" weit weniger Provokation oder Zumutung, als manche Kritiker glauben machen wollen. Ja, die 1980 geborene rumänische Regisseurin wagt sich nah an die im Film gezeigten Körper heran. George Chipers Kamera vermisst jedes Härchen und bildet Geschlechtsteile in Groß- und Detailaufnahmen ab, wie sie selten im Kino, geschweige denn in Mainstreamproduktionen zu sehen sind. Und ja, vieles davon entspricht nicht dem gängigen Schönheitsideal. Das ist aber weder neu noch sonderlich radikal, vor allem aber ist es schlicht nicht mitreißend. Da Pintilie neben professionellen Darstellern auch mit Laien arbeitet, die sich mehr oder minder selbst spielen, wahrt sie zu diesen eine geradezu keusche Distanz, die sie durch ihre permanente Selbstbespiegelung weiter vergrößert.

"Touch Me Not" ist zuallererst ein Spiel mit Realitäts- und Erzählebenen. Ganz zu Beginn baut George Chiper seine Kamera auf, zum Schluss wieder ab. Der Apparat reflektiert das Konterfei der Regisseurin, die mit teilnahmsloser, betont ernster Miene dem Geschehen beiwohnt. Mit Fragen aus dem Off drängt sie sich in die Handlung, bevor Protagonistin Laura (Laura Benson) den Spieß umdreht, Pintilie vor die Kamera bittet, um sie zu befragen. Pintilies Film ist auch immer ihre eigene Auseinandersetzung mit Sex und Intimität, was die Worte nahelegen, die sie am Anfang und am Ende an ihre Mutter richtet.

Diese nur auf den ersten Blick originelle Metafiktion ist auch ein Trick. Während das Publikum rätselt, welche der Figuren Profis, welche Laien sind, wer hier in welchem Maß sich selbst darstellt, verliert es die vernachlässigenswert banale Handlung aus den Augen. Deren Vermittlung ist dröge. Die menschliche Wärme, die Pintilie zweifelsohne für all ihre Figuren und deren Körper hegt, wird durch die extrem reduzierte Farbpalette der sterilen Sets konterkariert. Am Ende läuft das gut gemeinte Plädoyer für ein positives, jeglichen Ausformungen gegenüber unvoreingenommenes Körpergefühl auf die Binsenweisheit hinaus, dass all unsere Schwierigkeiten mit der eigenen Sexualität in unserer Kindheit und Erziehung wurzeln.

Menschen mit einem hohen Schamgefühl mag all das brüskieren, vielleicht werden sie den Film wie so viele Journalisten während der Vorstellung bei der Berlinale auch vorzeitig verlassen. Für Menschen, die wie die Regisseurin noch auf der Suche nach der eigenen Sexualität sind, mag diese Mischung aus Drama, Doku und Improvisation funktionieren, vielleicht sogar eine Sogwirkung erzeugen. Für alle anderen werden die 125, ausgesprochen abwechslungslosen und gleichförmigen, lediglich von ein paar Songs der "Einstürzenden Neubauten" aufgelockerten Minuten unendlich lang.

Fazit: Ein inhaltlich mutiger, erzählerisch schwacher Gewinner des Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele. So wichtig und richtig Adina Pintilies Anliegen auch ist, dessen Vermittlung ist betont gekünstelt, dröge und läuft bei aller (vermeintlichen) Provokation auf eine banale Erkenntnis hinaus.




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