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Sandmädchen
Sandmädchen
© Filmokratie © Mark Michel / worklights media production

Kritik: Sandmädchen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm von Mark Michel liefert das tief bewegende, voller Überraschungen steckende Porträt einer ungewöhnlichen jungen Frau. Veronika Raila ist von Geburt an gelähmt, sie kann die Tastatur ihres Computers nur bedienen, wenn die Mutter ihre Hand stützt. Will ihre Mutter wissen, ob sie für sie beim Lesen die Buchseite umblättern soll, ob die Tochter Hunger oder Durst hat, teilt ihr Veronika, die nicht sprechen kann, die Antwort über einen leichten Druck des Fingers mit. Veronika besucht die Universität, sie veröffentlicht Gedichte und Prosatexte. Der auch mittels Crowdfunding finanzierte Film eröffnet Einblicke in die Gedanken – und Gefühlswelt eines Menschen, der mit der Umwelt nur eingeschränkt kommunizieren kann, sie aber mit sehr wachen Sinnen wahrnimmt.

Der Film ist geprägt vom starken Kontrast der körperlichen Beeinträchtigung und des beeindruckenden Intellekts der jungen Frau. Die gewählte Sprache ihrer Texte, in Voice-Over von Jana Wand vorgetragen, beweist, wie gebildet Veronika ist und wie genau sie ihre für sie selbst oft verwirrenden Empfindungen analysieren kann. Sie spricht von einer inneren Schutzlosigkeit, die dem Sand gleicht, über den der Wind weht. Und vom Glück, dass die Mutter in ihrer Kindheit zu ihr durchdrang und verhinderte, dass sie weiter unverstanden, unerkannt blieb. Veronika lebt daheim in Königsbrunn bei Augsburg, ihre Mutter ist ihr die wichtigste Stütze. Zu den bewegendsten Szenen des Films gehören jene, in denen Mutter und Tochter miteinander kommunizieren. Man hört in den Fragen der Mutter die Aufmerksamkeit, die menschliche Achtung, die einen solchen Dialog erst ermöglichen.

Veronika Raila fungiert bei diesem Film als Co-Autorin, sie hat sich bestimmte Bilder gewünscht, die ihr inneres Erleben ausdrücken sollen. Viele Aufnahmen entstanden in den Dünen an der Küste, einmal besucht sie selbst den Meeresstrand. Auch die Bilder der Sandmalerin Anne Löper veranschaulichen, was Veronikas Texte schildern, den schmalen Grat ihrer inneren Sicherheit, die manchmal kreative, manchmal zerstörerische Kraft, mit der sinnliche Eindrücke auf sie einstürmen können. Veronika sagt, dass sie geistig arbeiten müsse, um am Leben zu bleiben, dass Gedanken so wichtig für sie seien wie Atemzüge. Es ist unglaublich, wie sich diese faszinierende Person aus den Fesseln ihrer Isolation zu befreien vermag.

Fazit: Der bewegende Dokumentarfilm von Mark Michel porträtiert die junge Künstlerin Veronika Raila, die von Geburt an schwerstbehindert ist. Trotz ihrer Lähmung und der Unfähigkeit zu sprechen hat sie mit Hilfe ihrer Mutter schreiben gelernt und eine gymnasiale Bildung erworben, bevor sie Studentin der Geisteswissenschaften wurde. Die poetischen literarischen Texte, die sie veröffentlicht, und ihre filmischen Kommentare legen ein faszinierendes Zeugnis ihres wachen Intellekts ab. Die Freiheit und Erfüllung, die sie erlebt, wollen geistig immer neu erarbeitet sein.




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