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Die Abenteuer von Wolfsblut
Die Abenteuer von Wolfsblut
© Tobis Film

Kritik: Die Abenteuer von Wolfsblut (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In seinen kurzen Leben schuf Jack London (1876-1916) einen riesigen Fundus an Romanen, Kurzgeschichten, Essays, Gedichten und Zeitungsartikeln. Seine Klassiker der Abenteuerliteratur werden auch mehr als 100 Jahre nach ihrem Entstehen nicht alt. Allein "Wolfsblut", erstmals 1906 unter dem Originaltitel "White Fang" veröffentlicht, wurde in mehr als 89 Sprachen übersetzt und mehrfach für Film und Fernsehen adaptiert. Bereits in den Neunzigern gab es einen mittelangen Zeichentrickfilm und eine Zeichentrickserie. Regisseur Alexandre Espigares legt nun den ersten abendfüllenden Animationsfilm vor.

Wie es sich für die große Leinwand gehört, bringt Espirages sein Abenteuer im Cinemascope-Format in die Kinos. Zu Bruno Coulais' Orchestermusik, die mit ihren Flöten, Geigen und Rahmentrommeln, mit Dudelsack und Zither an die irische und schottische Herkunft vieler Goldsucher erinnert, entfalten die atemberaubenden Landschaften entlang des Yukon ihren vollen Zauber. Die Animationen der Figuren sind hingegen wenig zauberhaft. Sticht das bei den Tieren nicht so sehr ins Auge, sind die Gesichtszüge der Menschen augenfällig unpräzise und konturlos. Dass Espirages dafür extra das Motion-Capture-Verfahren benutzt, also mit echten Darstellern gedreht und deren Gestik und Mimik in Animationen übertragen hat, ist nicht zu erkennen. Dafür bleiben Ausdruckskraft, Bewegungen und Plastizität schlicht zu schlecht.

Weitaus gelungener als die Optik, die wiederholt an Videospiele erinnert, ist die erzählte Geschichte. Philippe Lioret, Serge Frydman und Dominique Monfery zeichnen für das Drehbuch verantwortlich. Das Trio bleibt nah an der Vorlage, passt sie aber an mehreren entscheidenden Stellen klug den Erfordernissen eines Kinder- und Familienfilms an. Dieser darf nicht zu lang, vor allem aber nicht zu brutal sein.

Einige Handlungsstränge und Figuren sind gestrichen, andere zusammengeführt. Weedon Scott, im Buch noch ein Minenexperte, wird im Animationsabenteuer zu einem Gesetzeshüter. Als US-Marshal begegnet er dem Titelhelden bereits in dessen Welpenalter – eine gelungene Variation der ersten drei Buchkapitel, in denen Wolfsblut bei London freilich noch gar nicht geboren war. Um die Kurve zu dieser Begegnung zu kriegen, erzählt der Film seine ersten zwei Akte nach einer kurzen Exposition als Rückblende, die man als Wolfsbluts Erinnerung auffassen kann. Gerade diese Szenen, die nur unter Tieren spielen und ganz ohne Dialoge auskommen, sind besonders geglückt.

Die bei London präzise und durchaus drastisch geschilderte Zähmung Wolfsbluts durch den halbseidenen Beauty Smith und die blutigen Hundekämpfe, die sein neuer Besitzer betreibt, blendet Espirages geschickt aus. Mal vermittelt er sie als Mauerschau, mal als Montagesequenz. Ganz auf Drastik verzichtet aber auch er nicht. Finstere Gestalten in düsteren Spelunken, hungrige Wölfe in rabenschwarzen Nächten und ein tödlicher Kampf mit einem Luchs dürften für manchen Sechsjährigen ein wenig zu nervenaufreibend sein. Tolle Slapstick-Einlagen bilden ein leichtes Gegengewicht. Denn die Abenteuergeschichte lebt vornehmlich von ihrer Spannung.

Auch andere Aspekte der Vorlage mildert die Adaption ab. Die Indianer um Grauer Biber kommen viel besser weg als noch bei London. Deren Häuptling ist nicht nur sympathischer gezeichnet, auch der Grund, warum er Wolfsblut letztlich Beauty Smith überlässt, ist dringlicher und moralisch vertretbarer als in der harschen Welt des Romans. Und auch das Ende ist ein völlig anderes. Statt seinen Lebensabend domestiziert im Kreise des eigenen Nachwuchses zu verbringen, entlassen Weedon Scott und seine Frau Maggie Wolfsblut in die Freiheit. Schließlich ist Scott kein "Killer", wie es an einer Stelle heißt, kein harter Hund, sondern wie der tierische Titelheld ein Typ mit einem weichen Herzen.

Fazit: Alexandre Espirages' Adaption von Jack Londons Klassiker der Abenteuerliteratur überzeugt in erster Linie durch seine klug variierte, spannend, mitfühlend und warmherzig erzählte Geschichte. Die Qualität der Animationen reicht daran nicht heran.




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