VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: The Last Movie (1971)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Heutzutage scheint jeder Winkel der Filmgeschichte ausgeleuchtet. Und doch tauchen immer wieder Werke aus der Versenkung auf, die in Videotheken oder bei Streaminganbietern, in den Katalogen von Bibliotheken oder im weltweiten (Online-)Handel bislang noch nicht zu haben waren. Meist trägt ihre jahrzehntelange Unzugänglichkeit zur Legendenbildung bei. Der Verleiher Rapid Eye Movies hat nun eine weitere kleine Perle ans Licht gezerrt und bringt die für das italienische Filmfestival Il Cinema Ritrovato neu abgetastete und von Arbelos Films in Los Angeles restaurierte und digitalisierte 4K-Fassung von Dennis Hoppers "The Last Movie" in die Kinos. 47 Jahre nach seiner Uraufführung bei den Filmfestspielen von Venedig wirkt Hoppers zweite Regiearbeit gar nicht (mehr) so legendär, dafür immer noch frisch und fordernd.

Hopper experimentiert mit der Narration und dem Material. Sein Drama über den desillusionierten Stuntman Kansas, den er selbst spielt, ist nicht nur ein Film im Film und einer über das Filmemachen, es würfelt seine Handlungsstränge auch wild durcheinander. Los geht es mit einer Vorblende, die das Publikum völlig unvermittelt ins Geschehen wirft. Gemeinsam mit Kansas taumelt László Kovács' Kamera durch eine Prozession, nimmt schräge, teils aus extremer Untersicht gefilmte Positionen ein. Dann schneidet Hopper, ebenso abrupt, mehrere Szenen des in "The Last Movie" gedrehten Westerns aneinander, an deren Ende eine tödliche Schießerei steht, bevor Kansas schließlich zu Kris Kristoffersons Titelsong "Me & Bobby McGee" durch die atemberaubende peruanische Landschaft reitet. Bis zur Einblendung des ersten Titelcredits vergehen zwölf Minuten, bis zu der des Filmtitels weitere 15.

Nach dem Sensationserfolg seines Regiedebüts "Easy Rider" (1969) gaben die Universal Pictures Hopper völlig freie Hand. Der versank während des Schnitts in seinem frisch gekauften Anwesen in New Mexiko im Alkohol- und Drogensumpf. Eine erste, linear erzählte Fassung verwarf er zugunsten der endgültigen, stark an den Experimentalfilmen seines Bekannten Bruce Conner geschulten Montage. Obwohl "The Last Movie" am Lido den Kritikerpreis gewann, war das Studio mit der unkonventionellen Erzählweise unzufrieden, verlangte eine neue Schnittfassung, die Hopper verweigerte, und spielte den Neo-Meta-Western in den USA schließlich nur in wenigen Kinos. Bis zu Hoppers nächster Regie "Out of the Blue" (1980) sollte beinahe ein Jahrzehnt vergehen. Zunächst zeigte sich auch der Filmemacher von "The Last Movie" enttäuscht, bevor er sein Urteil revidierte und davon sprach, seiner Zeit voraus gewesen zu sein. In der Rückschau ist "The Last Movie" vor allem ein höchst spannendes Dokument und eine Ahnung davon, welche Richtung New Hollywood hätten einschlagen können, wäre Hoppers zweitem Film ein ähnlicher Erfolg wie "Easy Rider" beschieden gewesen.

Hopper und Koautor Stewart Stern erzählen die für die Epoche typische Geschichte eines Außenseiters und Einzelgängers. "I'm a man of desperation in my prime going blind", heißt es in einem anderen Song, was gleichermaßen auf die Figur des Kansas und den Filmemacher zutrifft. Mit 34 Jahren war auch Dennis Hopper in seinen besten Jahren und der Verzweiflung nah. Formal geht er indes ein paar Schritte weiter als viele seiner Kollegen. Hoppers Drama wirkt unfertig, Stellen scheinen zu fehlen. Doch die Texttafeln, auf denen "Scene missing" steht, hat Hopper ebenso absichtsvoll eingefügt wie unbearbeitetes, gröber wirkendes Material. Letztlich ist "The Last Movie" mehr ein Film gewordener Fiebertraum, ein assoziativer Gedankenstrom und Selbstfindungstrip denn eine zusammenhängende Story.

Fazit: Der Verleiher Rapid Eye Movies macht einen legendenumrankten Film wieder zugänglich. Dennis Hoppers "The Last Movie" besticht auch beinahe 50 Jahre nach seiner Entstehung durch seine assoziative, das Publikum fordernde Erzählstruktur und die tollen Aufnahmen des New-Hollywood-Wegbegleiters und -bereiters László Kovács. Ein filmischer Fiebertraum zu tollen Songs von Kris Kristofferson und ein absichtsvoll unperfektes Drama in perfekt digitalisierter 4K-Fassung.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.