VG-Wort

oder

Kritik: Sibel (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Werk "Sibel" von Guillaume Giovanetti und Çagla Zencirci feierte seine Premiere auf dem Filmfestival in Locarno und wurde dort – wie auch auf weiteren Festivals – bereits ausgezeichnet. Das Drehbuch, welches Giovanetti und Zencirci gemeinsam mit Ramata Sy verfassten, schildert eine Emanzipationsgeschichte, die einerseits wie ein modernes Märchen anmutet und andererseits überaus lebensecht von Unterdrückung, Ausgrenzung und Hetze erzählt.

Der Film zeigt das Leben der jungen Titelheldin, die in ihrem Heimatdorf an der türkischen Schwarzmeerküste eine Ausgestoßene ist, da sie nicht sprechen, sondern sich nur durch eine Pfeifsprache ausdrücken kann. Die Frauen, mit denen sie auf dem Feld arbeitet, glauben, sie bringe Unglück. Als sie (ungeladen) an einer Zeremonie teilnehmen möchte, die vor einer arrangierten Hochzeit im Dorf stattfindet, wird sie von allen Beteiligten ausgelacht und von ihrer eigenen Schwester fortgeschickt, weil diese sich für sie schämt. Wenn Sibel mit ihrer Schrotflinte durch den Hochwald der Berge zieht, wird rasch klar, dass sie eine starke und mutige Person ist – jedoch vermag sie sich zunächst nicht vom Urteil anderer zu lösen. Im Laufe der Handlung wagt sie es, sich zu befreien. Dabei fangen Giovanetti und Zencirci subtil ein, wie die kämpferische Sibel mit ihrem Verhalten eine Veränderung in ihrem Umfeld bewirkt. Das Skript vermittelt zudem, wie Menschen, die gegen das System rebellieren, kurzerhand als Terroristen stigmatisiert werden und wie mit gezielten Falschinformationen Ängste geschürt werden. Auch in den Nebensträngen – etwa um eine alte, zurückgezogen lebende Frau, die seit Jahrzehnten auf die Rückkehr ihres Verlobten wartet – überzeugt das Werk.

Die 1987 geborene Hauptdarstellerin Damla Sönmez verkörpert den Titelpart äußerst eindrücklich. Neben den Momenten mit ihrem Leinwandpartner Erkan Kolçak Köstendil, der den Kriegsdienstverweigerer Ali spielt, sind es vor allem die Vater-Tochter-Szenen mit Emin Gürsoy, die in Erinnerung bleiben. Zwischen Familienehre und dem Wunsch nach Unabhängigkeit entwirft "Sibel" einen glaubwürdigen, engagiert interpretierten Konflikt.

Fazit: Ein differenziert erzähltes, gut gespieltes Drama, das Züge eines düsteren Märchens trägt und zugleich sehr aktuell ist.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.