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Murer - Anatomie eines Prozesses
Murer - Anatomie eines Prozesses
© Der Filmverleih GmbH

Kritik: Murer - Anatomie eines Prozesses (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Wer etwas über die Gegenwart lernen will, muss in die Vergangenheit blicken. Diese Binsenweisheit ist so simpel wie zutreffend. Christian Froschs minutiöse Rekonstruktion des Skandalprozesses um Franz Murer (Karl Fischer) verrät viel darüber, was in Österreich bis heute schiefläuft. Das Gerichtsdrama entlarvt skrupelloses Parteienkalkül, gesellschaftliche Stimmungen und Vorurteile und Strategien zur Diskreditierung des Gegners. Die verquere, ja geradezu perfide Logik, mit der Franz Murers Verteidiger Böck (Alexnder E. Fennon) Zeugen verunsichert, einen Täter zum Opfer stilisiert und die Opfer letztlich zu Tätern macht, hat bis heute Methode. Populisten jedweder Couleur tun es ihm nach.

Frosch setzt sein Drama als dialoglastiges Kammerspiel um. 73 Sprechrollen gibt es während der Verhandlung. Frank Amanns agile Kamera ist selten an der frischen Luft, pendelt größtenteils zwischen dem Gerichtssaal, einer nahe gelegenen Gastwirtschaft, in der die Zeugen der Anklage ihre Pausen verbringen, und dem Beratungszimmer der Geschworenen. Gerade in diesen Gesprächen arbeitet der Regisseur feine Unterschiede heraus.

Manche der Geschworenen sind Unbelehrbare, andere Täter, die an ihrer Schuld zerbrechen, und wieder andere haben vielleicht tatsächlich nichts gewusst. Entscheidend ist, wie sie sich nun, wo die Fakten auf dem Tisch liegen, dazu verhalten. Und auch das lässt tief bis in die Gegenwart blicken. Die Opfer, und das ist seine größte Leistung, zeichnet Frosch selbstredend ebenfalls heterogen. Nicht jeder war des anderen Freund. Trotz der gemeinsamen Sache brechen alte Animositäten, bricht Unverzeihliches wieder auf. Hier handelt keine gleichförmige Masse, die sich abgesprochen und gegen Franz Murer verschworen hat, wie dies vielen Prozessbeobachtern und vermutlich viel zu vielen Nachgeborenen ins (antisemitische) Weltbild passt.

Erzählerisch bedient sich Frosch, der auch das Drehbuch schrieb, eines altbewährten Kniffs. Um bei der komplexen Vorgeschichte des Prozesses keine unnötigen Längen zu erzeugen, übernimmt die US-amerikanische Reporterin Rosa Segev (Melita Jurisic) die Rolle der Vermittlerin. Sie erfragt Details, tauscht sich mit Kollegen und Zeugen aus, ist letztlich des Publikums Augen und Ohren. Auch all die anderen ergreifenden Einzelschicksale und schäbigen Hinterzimmerdeals packt Frosch in Dialoge. Wie während der Zeugenaussagen vor Gericht zeigt Frosch das Vergangene nicht, sondern lässt darüber sprechen. Dank des guten Ensembles entfalten die schrecklichen Ereignisse in der Vorstellungskraft des Publikums umso mehr Wucht.

Inszenatorisch erinnert das allerdings arg an ein Dokudrama, ein klassisches Fernsehspiel. Zwar bringt Frosch durch dezent gesetzten Musikeinsatz, durch unerwartete Kamerabewegungen und die Montage ab und an Dynamik ins Geschehen. Der Rest bleibt etwas statisch und steif. Am stärksten ist seine Rekonstruktion dann, wenn er Bezüge zur Gegenwart herstellt: wenn ein Altnazi Rosa Segev der "amerikanischen Lügenpresse" zuzählt, wenn Journalisten lieber antisemitische Karikaturen kritzeln, als dem Prozessverlauf zu folgen, wenn ein bereits verurteilter Nazi Murers Taten auf seine Kappe nimmt und wenn ein engagierter Journalist seinen opportunistischen Parteifreund vor den "neuen Nazis" warnt. Verhalten und Tendenzen, die allzu gegenwärtig erscheinen. "Franz Murer – Anatomie eines Prozesses" macht einen ersten wichtigen Schritt, die Vergangenheit nicht länger achtlos zuzudecken.

Fazit: Christian Froschs minutiöse filmische Rekonstruktion eines Skandalprozesses mutet formal zwar über weite Strecken wie ein Dokudrama fürs Fernsehen an, entfaltet in den Zeugenaussagen der Opfer aber eine enorme emotionale Wucht und ist ein wichtiger Beitrag gegen die gefährliche Geschichtsvergessenheit unserer Zeit.




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