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Kritik: Ben Is Back (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Rückkehr kommt unvermittelt. Nicht nur für Holly Burns (Julia Roberts), sondern auch für uns Zuschauer. Während die vierfache Mutter mit ihren Kindern Lacey (Mia Fowler) und Liam (Jakari Fraser) in der Kirche sitzt und ihrer Tochter Ivy (Kathryn Newton) bei der Chorprobe lauscht, nähert sich ein junger Mann (Lucas Hedges) einem Haus. Er rüttelt an der Tür, lugt durch die Fenster. Der Szenenwechsel ist abrupt. Das Stapfen durch den Schnee schneidet den Kirchengesang ab. Erst als Holly den wie einen Einbrecher eingeführten Fremden wenig später überschwänglich begrüßt, wird klar, dass es sich um ihren Sohn Ben handelt. Doch irgendetwas stimmt nicht. Hollys und Ivys Verhalten irritiert, Stuart Dryburghs unruhige Kamera vermitteln ein ungutes Gefühl.

Peter Hedges weiß, wie er uns bei der Stange hält. Sein vierter Spielfilm als Regisseur erzählt immer nur so viel wie nötig, um die Geschichte am Laufen und die Spannung aufrechtzuerhalten. Treibender Motor ist die Beziehung zwischen Holly und Ben, den der Filmemacher mit seinem eigenen Sohn Lucas Hedges besetzt hat. Der 22-Jährige, der – fun fact am Rande – nach "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri" (2017) und "Lady Bird" (2017) bereits zum dritten Mal an der Seite von Kathryn Newton steht, zum zweiten Mal ihren Bruder verkörpert, brilliert erneut. Die Chancen stehen gut, dass ihm sein nuanciertes, äußerst dosiertes Spiel nach "Manchester by the Sea" (2016) die nächste Oscarnominierung einbringt. (Mit "Boy Erased" (2018) hat er noch ein weiteres heißes Eisen im Feuer.)

"Traue nie einem Junkie", lautet ein geflügeltes Wort, das auch Ben gegenüber Holly verwendet. Welchen Zweck er mit seiner Rückkehr und der gemeinsamen Fahrt durch die Nacht verfolgt, ob er seiner Mutter die Wahrheit sagt oder sie hinters Licht führt, bleibt bis zum Schluss vage. An entscheidenden Weggabelungen lässt Peter Hedges' Drehbuch stets (mindestens) zwei Möglichkeiten offen, welche Richtung die Handlung seines herausragend gespielten Dramas einschlagen kann.

Peter Hedges startete seine Filmkarriere 1993, als er für die Leinwandversion seines Romans "Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa" selbst das Drehbuch beisteuerte. Seither hat der 1962 in Iowas Hauptstadt Des Moines geborene US-Amerikaner Drehbücher geschrieben (und vier davon selbst verfilmt), die von komplizierten Familienverhältnissen und aberwitzigen Familienfeiern erzählen. Für das Skript der Nick-Hornby-Adaption "About a Boy oder: Der Tag der toten Ente" (2002) erhielt er eine Oscarnominierung. Sein präziser Blick aufs Zwischenmenschliche und die Liebe zu seinen Figuren zeichnen auch sein erstes reines Drama aus. Darin rückt er am Beispiel einer Mittelklassefamilie gesamtgesellschaftliche Probleme in den Fokus.

"Ben Is Back" ist intensives Schauspielerkino und nüchterne Bestandsaufnahme der US-amerikanischen Opioidkrise. Der seit den 1990er-Jahren ansteigenden Missbrauch von Schmerzmitteln steht in Hedges' Film auch am Beginn von Bens Drogenkarriere. In einem bitterbösen Monolog konfrontiert Holly Bens ehemaligen, mittlerweile dementen Arzt damit. Szenen wie diese lassen uns schaudern. Die nächtliche Rettungsmission an der Seite seiner Mutter ist eine düstere Fahrt in Bens Vergangenheit vorbei an Amerikas Medikamentenmissbrauch, der längst alle Schichten erfasst hat. Hier sitzt eine Mutter, die für ihren Erstgeborenen alles riskiert, mit einem jungen Mann im Wagen, der beständig gegen seine Sucht und vergangene Verfehlungen ankämpft.

"Ben Is Back" ist ein Kammerspiel auf vier Rädern. Ein Familiendrama, das gegen Ende beinahe zum Drogenthriller wird. Neben seinem klug geschriebenen Drehbuch voll lebensnaher Situationen und Dialoge kann sich Peter Hedges auf seine zwei Hauptdarsteller verlassen. Der schauspielerische Doppelpass zwischen Lucas Hedges und Julia Roberts ist eine Partie auf höchstem Niveau, in der es die wunderbar aufgelegte Roberts lediglich in der allerletzten Szene ein wenig übertreibt.

Fazit: "Ben Is Back" ist ein intensives Kammerspiel auf vier Rädern. Regisseur und Drehbuchautor Peter Hedges erzählt stets nur so viel wie unbedingt nötig, um die Spannung bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. An Julia Roberts Seite brilliert Hedges' Sohn Lucas und bleibt damit eine große Nachwuchshoffnung für die Zukunft.




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