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Kritik: Ayka (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der russisch-kasachische Regisseur Sergey Dvortsevoy erzählt in diesem grimmigen Sozialdrama vom Schicksal einer kirgisischen Arbeitsmigrantin in Moskau. Sie besitzt keine gültigen Papiere, muss sich in einer illegalen Unterkunft verstecken, nimmt jeden Job an. Ihr Traum von einer eigenen Schneiderei scheint geplatzt, die Leute, denen sie deswegen Geld schuldet, sitzen ihr im Nacken. Sie lässt bei diesem Wettlauf gegen die Zeit ihr Neugeborenes in der Klinik zurück, um Geld aufzutreiben – wenn es sein muss, mit Schneeräumen.

Dvortsevoy wurde zu dieser Geschichte von einer Zeitungsmeldung inspiriert, wonach 2010 in Moskauer Geburtskliniken 248 Babys von ihren Müttern aus Kirgistan zurückgelassen wurden. Er begann über die Umstände nachzudenken, die so viele kirgisische Frauen zu solch einer drastischen Entscheidung bewegt haben könnten. Die Hauptdarstellerin Samal Yeslyamova bekam für ihre Rolle einer Frau, die sich mit schier übermenschlicher Kraft freischwimmen will, den Preis für die beste Schauspielerin auf dem Filmfestival von Cannes 2018.

Es schneit und schneit in Moskau, die Menschen auf den Straßen wirken beeilt und verloren. Das gilt erst recht für Ayka, der von einer reichen jungen Frau spontan ein Job angeboten wurde, und die nun angestrengt die genannte Adresse sucht. Die Sympathien der Zuschauer begleiten sie ebenso wie die Hoffnung, sie möge endlich irgendwo andocken können. Wenn Ayka Hühner aus dem siedenden Wasser zieht und ihnen die Federn abrubbelt, schnell, schnell, wenn sie im Putzfrauenkabäuschen der Tierarztpraxis einen Schluck Tee schlürft, entsteht eine Art Sozialromantik von Entbehrung und Widerstandskraft. Der Umgangston in Moskau ist ruppig, umso mehr wird man hellhörig für die Spuren von Menschlichkeit, die sich dahinter verbergen können. Dvortsevoys Gegenüberstellung von Aykas körperlichen Beschwerden mit denen einer Hündin, die in die Tierarztpraxis gebracht wird, irritiert. Jedenfalls wird sich um das Tier mehr gekümmert.

Wer Dvortsevoys ersten Spielfilm "Tulpan" von 2008 kennt, wird sich wundern, dass von dessen Heiterkeit und Leichtigkeit in diesem Nachfolger nichts mehr vorhanden ist. Hier geht es um kruden Realismus, der sogar in dramatische Überhöhung der Wirklichkeit kippt. Kirgisische Migrantinnen haben es in Moskau sicherlich schwer – sonst würden nicht so viele ihre Babys aufgeben - , aber nicht allen sitzen wohl auch noch Kriminelle im Nacken, die ihnen nach dem Leben trachten.

Fazit: In seinem zweiten Spielfilm schildert der Regisseur Sergey Dvortsevoy den verzweifelten Überlebenskampf einer jungen Kirgisin in Moskau. Sie lässt ihr ungewolltes Baby in der Geburtsklinik zurück und versucht trotz Schmerzen einen Job zu ergattern, weil ihr Schuldeneintreiber im Nacken sitzen. Die Stadt zeigt der Migrantin, die auf eigenen Beinen stehen will, die kalte Schulter. Die Sympathien sind der Frau, die so hart im Nehmen ist, sicher, aber die extrem widrigen Umstände drücken dem Sozialdrama eine kitschige Note auf.




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