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Kritik: Das Ende der Wahrheit (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der deutsche Film traut sich mehr Genrekino zu. Und Philipp Leinemann hat seine Spielwiese anscheinend gefunden. Auf "Transit" (2010), seine Abschlussarbeit an der Hochschule für Fernsehen und Film in München, eine Mischung aus Drama und Roadmovie, folgten mit "Wir waren Könige" (2014) und nun "Das Ende der Wahrheit" zwei waschechte (politische) Thriller. Erzählerisch arbeitet sich Leinemann, der seine Drehbücher selbst schreibt, von den Rändern der Gesellschaft allmählich in deren Machtzentren vor, nimmt dabei aber weiterhin die Perspektive des Außenseiters ein.

Die Mächtigen, deren Machenschaften Leinemann dieses Mal beleuchtet, sitzen im Bundesnachrichtendienst (BND). Hier gibt Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) unfreiwillig den einsamen Wolf, der ihm gleich zu Beginn des Films im Morgengrauen an einem Waldsee begegnet. Seine Expertise und Sprachkenntnisse sind immer weniger gefragt. Nach und nach fallen Relikte wie er den Kürzungen zum Opfer und werden durch Karrieristen wie den arroganten Patrick Lemke (Alexander Fehling) ersetzt. Ethische Grundsätze gelten nicht mehr (sofern sie das denn jemals taten). Wie in der Politik zählt nur noch die Zweitkarriere nach der Karriere. Für die einen ist das eine nüchterne und realistische Alltagsbetrachtung, für die anderen zynisch.

Leinemann beherrscht sein Handwerk – erzählerisch wie visuell. Das komplexe Geflecht aus Kompetenzgerangel, Information und Desinformation vermittelt er mühelos und in messerscharfen Dialogen. Zwar sind viele Wendungen erwartbar (etwa Lemkes guter Kern und seine Rolle als weiteres Bauernopfer im Intrigenspiel), aber nicht alle vorhersehbar. Vor allem aber weiß Leinemann, mit Spannungsbögen umzugehen und Gesamtzusammenhänge in kluge Metaphern und querverweisende Montagen zu überführen. Dann spiegelt eine Gutenachtgeschichte, die Behrens seiner Tochter an ihrem Geburtstag vorliest, einen Drohnenangriff. Das Private und das Politische sind in Max Feys Schnittfolge virtuos miteinander verschränkt.

Dass das Ganze auch wie Genrekino ausschaut und nach Genrekino klingt, liegt an Leinemanns Stammkameramann Christian Stangassinger, der den Thriller in fahles Licht und entsättigte Farben taucht, und an seinem Komponisten Sebastian Fillenberg, der die Handlung mal mit dunkel dröhnenden, mal mit treibenden Streichern untermalt. Und doch überzeugt der Film nicht vollends, weil er etwas unentschlossen zwischen nüchternem deutschen Behördenrealismus und genretypischer Fabulierlust schwankt.

Die Kritik an der deutschen Beteiligung bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus, an der Intransparenz des BND und an dessen internem Kompetenzverlust sowie am wachsenden Lobbyismus ist durchaus ernst gemeint. Wie weit die Akteure in den deutschen Behörden und in der (fiktiven) Region Zahiristan dafür gehen, ist indes zu viel des Guten. Besonders die damit verbundenen, mittelmäßig inszenierten Actionsequenzen hätte sich Leinemann sparen sollen. Hier hebt "Das Ende der Wahrheit" zu sehr in Hollywood-Gefilde ab, die der Film bis dahin so konsequent vermieden hat.

Fazit: Auch die Deutschen können Genrekino. Regisseur und Drehbuchautor Philipp Leinemann liefert einen Politthriller ab, der sich im wahrsten Wortsinn sehen lassen kann. Gut gespielt, spannend und wendungsreich inszeniert büßt der Film auf der Zielgeraden allerdings ein paar entscheidende Meter ein.




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