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Kritik: Luft (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit seinem Kinofilmdebüt gibt Regisseur Anatol Schuster, der zusammen mit Britta Schwem auch das Drehbuch verfasste, dem Publikum Rätsel auf. Manja, die Hauptfigur, die sich in eine Mitschülerin verliebt, scheint nicht ganz von dieser Welt zu sein. Oft richten sich die Augen des verträumten, liebevoll lächelnden Mädchens in die Ferne. Und sie trägt so gut wie immer himmelblaue Kleidung. Ihre aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Großmutter nennt sie einen Engel. Sie sagt, dass es zwei Arten von Engeln gebe, Schutzengel und gefallene Engel, die selbst beschützt werden müssten. Manja hat offenbar eine Mission zu erfüllen, die sie auf einem schmalen Grat zwischen Liebe und Tod wandeln lässt.

Die Menschen, die mit Manja in dem Hochhaus am Stadtrand leben, sind mit der Gegend nicht verwurzelt und fühlen sich gestrandet, in einem Zwischenstadium zwischen dem Zurückgelassenen und dem, was kommen mag. Manjas Oma kocht russische Gerichte, die oft stumme Schwester spielt Akkordeon, als wünschte sie sich ganz weit weg. In der arabischen Nachbarfamilie spielt sich gerade ein Drama ab, denn der Familienvater Tariq (Murat Seven) versinkt in einer Depression. Mit Schmerz, Trauer, Verlust und Sehnsucht laboriert aber auch die einheimische Louk. Einsamkeit und Leid gab es auch in ihrer Familie. Innerlich scheint die aggressive, kompromisslose Louk ihre Flügel auszubreiten, um ganz im romantischen Sinne davonzufliegen. Sie sagt wiederholt, dass sie keine Spuren hinterlassen will.

Mit dem Verstand, das wird beim Betrachten klar, lässt sich diese Geschichte nicht wirklich erfassen, sondern allenfalls intuitiv unter dem Eindruck ihrer Stimmungen und sinnlichen Bilder. Mit ihrer Poesie bleibt sie offen für individuelle Deutungen, was sie besonders reizvoll macht. Manja und Louk verkörpern das ihrer Altersgruppe sowieso nicht ganz fremde romantische Prinzip radikaler Beseeltheit. Was aber hat es mit der Farbe Himmelblau auf sich, die zu Manja gehört, aber sich auch in ihrer Umgebung auszubreiten scheint? Und mit dem aus dem Off erklingenden Gesang, der sowohl tröstlich, als auch geheimnisvoll wirkt? Dieser ätherisch-leichte, aber auch sehr melancholische Film mutet manchmal an wie eine flüchtige Fantasie, und wenn der Fluss der Handlung durch kleine nichtlineare Einschübe unterbrochen wird, kommt gleich jegliche Gewissheit ins Wanken. Dieser künstlerisch originelle Film kann sein Publikum mit leichter Hand verzaubern.

Fazit: Das Spielfilmdebüt des Regisseurs Anatol Schuster umgarnt sein Publikum mit zarter Poesie und einer romantischen Radikalität, die sich logischem Schubladendenken verweigert. Eine engelhaft sanftmütige und eine rebellische Jugendliche fühlen sich zueinander hingezogen und beschreiten einen schmalen Grat zwischen Liebe und Tod. Die melancholische Geschichte handelt von innerer und äußerer Entwurzelung, setzt aber zugleich auf himmelblauen Optimismus und entwickelt auf diese Weise eine märchenhafte, ätherische Leichtigkeit.




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