VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Germania (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was treibt junge Männer dazu, einer schlagenden Studentenverbindung beizutreten? Günstige Monatsmieten und Vitamin B für die Berufswelt allein können es nicht sein. Die Protagonisten in Lion Bischofs Dokumentarfilm haben unterschiedliche, aber sehr ähnliche Motive. Einer sucht Anschluss, ein anderer einen Gegenpol zur Schludrigkeit der Welt, ein dritter einen Raum, an dem ihm seine politische Einstellung nicht gleich durch "linke Wortklauberei" miesgemacht wird. Freie Meinungsäußerung geht dem Corps Germania München selbstredend über alles. Was alle eint, ist eine verunsicherte Identität, eine brüchige Männlichkeit. Immer wieder ist davon die Rede, zu einem "richtigen Mann" zu reifen.

Das geht freilich nur mit strengen Regeln und einer klaren Hackordnung. Potenzielle neue Mitglieder durchlaufen als sogenannte Füchse eine Probezeit. Über ihnen stehen die Chargierten und an der Spitze der Fuchsmajor. Der ist eine echte, von der eigenen Autorität ganz trunkene Knallcharge. Er sei einer, der Verantwortung übernehmen wolle, lässt er die Zuschauer wissen. Und die können tatsächlich noch etwas von ihm lernen, wie man große, inhaltslose Reden schwingt etwa oder delegiert, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu kaschieren. Die Politikarriere scheint programmiert. Dazwischen fließen Unmengen Bier. Auf jeder Versammlung, ja selbst beim Fechttraining werden die Gläser gehoben. Und das Festlied endet auf "Heil Germania!".

Bichof kommentiert all dies nicht, überlässt seinem Publikum das Urteil. Seine neutrale Beobachterposition überzeugt nur ansatzweise, lässt sie doch zu viele zwingende Fragen offen, etwa die nach den privaten und schulischen Hintergründen der Mitglieder. Eine eigene Meinung bilden sich die Zuschauer trotzdem schnell, so naiv und entlarvend geben sich die Studenten vor der Kamera. Die Hälfte dessen, was man über Verbindungen höre, sei falsch, die andere Hälfte überspitzt, lässt ein Mitglied einen Neuankömmling gleich zu Beginn des Films wissen. Letzten Endes erfüllt das Corps dann aber jedes Klischee.

Einzig Bischofs Gebrauch der Tonspur lässt sich dann doch als Kommentar interpretieren. An wenigen Stellen sind verzerrte Blechbläser zu hören, die das Gefühl des Unbehagens wiedergeben, das jeden Zuschauer beschleichen dürfte, der mit dieser hermetisch abgeriegelten Welt und ihrem überkommenen Weltbild nichts anfangen kann. Es ist eine befremdliche Blase, irgendwo zwischen Kraftmeierei, Deutschtümelei und Nostalgie. All die Widersprüche zwischen dem Elitedenken der Porträtierten und der ernüchternden Realität würden zum Lachen reizen, wenn die Protagonisten nicht so traurige Gestalten wären.

Fazit: Dokumentarfilmer Lion Bischof wirft einen faszinierenden Blick in die unzugängliche Welt einer schlagenden Studentenverbindung. Sein beobachtender Ansatz ist nicht unproblematisch, aber größtenteils gelungen, wirft allerdings zwangsläufig Fragen auf, die der Film nicht beantworten kann.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.