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Kritik: Im Land meiner Kinder (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Darío Aguirre hat seinen Dokumentarfilm wie eine biografische Rundreise angelegt. Ganz am Anfang steht er als Ausländer in einer Wohnung in seiner neuen Hamburger Heimat, am Ende als Deutscher in einem Hotelzimmer in seiner alten Heimat Ecuador. Ein kleines Stück Papier macht den Unterschied. Dazwischen hat der Regisseur eine Suche nach Zugehörigkeit gepackt – entlang politischer Kampfbegriffe wie Heimat, Migration und Integration, die Aguirre gleichermaßen tiefgründig und unterhaltsam anpackt und zerpflückt.

Aguirre geht sein Thema mit neugierigem Blick und diebischer Freude an. Das Schreiben des Hamburger Bürgermeisters, das dem Film als Ausgangspunkt dient, hält Aguirre ungläubig gegen das Licht, dreht und wendet es, wie einer, der einen Geldschein auf seine Echtheit prüft. Sven Kacireks Musik tänzelt dazu über ein Holzschlaginstrument und gibt eine Vorahnung, dass der Filmemacher seine bürokratische Odyssee lustvoll und lustig inszenieren wird.

Aguirre erzählt sein langes Ankommen in einem fremden Land verspielt und mit beiläufiger Ironie. Seine Ankunft hat er nachgedreht, dramaturgisch zugespitzt und wie einen Zeichentrickfilm übermalt. In Gesprächen mit seinen Schwiegereltern arbeitet er die Bedenken heraus, die sie anfangs gegen ihn hegten. Unterredungen mit einer ecuadorianischen Bekannten, die bereits die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, führen wiederum die Mühen der Integration vor Augen, die manchmal an Selbstaufgabe grenzt. Und wenn Aguirre kommentarlos ein paar Fragen aus dem Einbürgerungstest aus dem Off einwirft, die die meisten Deutschen nicht beantworten könnten, macht er die Absurditäten dieses Behördenapparats erlebbar.

Ohne es explizit zu benennen, führt Aguirre seinem Publikum (damit) vor, was es für viele Deutsche heißt, deutsch zu sein: ein Zettel eines Nachbarn, der sich über ein falsch abgestelltes Fahrrad beschwert, der Regisseur beim Mülltrennen, seine Frau Stephanie, die sich daran erinnert, dass die Ecuadorianer sie für unfreundlich halten, weil sie ehrlich ihre Meinung sagt. Letzten Endes ist Deutschsein, sofern es das überhaupt gibt, so viel mehr. Und Menschen wie Darío Aguirre gehören dazu – auch das zeigt seine Geschichte eindrücklich.

"Im Land meiner Kinder" ist ein großartiger Film über Familie, Heimat, Emigration und Immigration, weil er sein Thema ebenso liebevoll wie distanziert betrachtet. Darío Aguirre zeigt, dass Integration keine Einbahnstraße ist und welch ein Gewinn sie selbst für Menschen sein kann, die ihr zunächst skeptisch gegenüberstehen.

Fazit: Nach 15 Jahren in Deutschland will Regisseur Darío Aguirre Deutscher werden. Aus einem hochpolitischen, aber für viele Betroffene doch ganz alltäglichen Thema hat Aguirre mit präzisem Blick und sanfter Ironie einen großartigen Film über Familie, Heimat und Integration gemacht.




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