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Kritik: Und der Zukunft zugewandt (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der deutsche Filmemacher Bernd Böhlich ("Bis zum Horizont, dann links!") hat die Figur des Dorfpolizisten Horst Krause geschaffen und die beliebte Figur auch als Hauptperson mehrerer TV-Spielfilme ("Krauses Fest") inszeniert. Böhlich, der selbst in der DDR gelebt hat, nimmt sich in diesem Kinofilm eines wenig bekannten Kapitels aus den Anfängen des sozialistischen Staates an. Zu Lebzeiten Stalins, aber auch danach dürfen deutsche Kommunisten, die aus sowjetischer Lagerhaft in die DDR zurückgekehrt sind, über ihre Erlebnisse nicht sprechen. Der junge Staat will die mit dem Aufbau einer sozialistischen Gesellschaft verbundene kollektive Aufbruchstimmung nicht gefährden. Die Schrecken der stalinistischen Herrschaft dürfen kein Thema werden.

Die Einheitspartei SED macht die zurückgekehrten Genossen und Genossinnen zu Bauernopfern. Zu groß ist die Angst des ostdeutschen Staates vor einem Wiedererstarken rechten Gedankenguts, aber auch davor, feindlicher Westpropaganda Munition zu liefern. Antonia Berger bleibt mit ihrem Trauma lange allein, sie traut sich nicht einmal, sich ihrer Mutter anzuvertrauen. Es fällt jedoch nicht leicht zu glauben, dass sich DDR-Bürger nicht einmal im engsten Umfeld über die offiziell verleugnete Realität ausgetauscht haben sollen. Schwer zu verstehen ist auch, dass Antonia nicht in den Westen gehen will, was ja vor dem Mauerbau noch möglich ist. Kurze Passagen des Films spielen Jahrzehnte später, während des Mauerfalls. Die alte Antonia stimmt nicht in den kollektiven Jubel ein. Ist sie immer noch eine standhafte Sozialistin? Und wieso glaubt sie rückblickend, dass das Projekt Sozialismus um 1968 herum unstimmig wurde – wo sie doch die böse Macht der Diktatur schon so viel früher kennengelernt hatte?

All diese Unklarheiten hätten durchaus ausgeräumt werden können. Antonias fiktive Biografie ist an wahre Begebenheiten angelehnt. Aber die Inszenierung verknappt die komplizierte Geschichte recht ungeschickt. Sie achtet zu wenig auf Dialoge und reduziert Alexandra Maria Laras Spiel zu sehr auf bedrücktes, stilles Schauen. Wie versucht Antonia in der jungen DDR Fuß zu fassen? Lange übt sie für eine Aufführung im Haus des Volkes mit vier Mädchen einen altbackenen Gemüsetanz. In der klaustrophobischen Abgeschiedenheit der Theaterproben teilt sich die behauptete Aufbruchstimmung im Land nun gerade nicht mit. Die Mittel des Films können nicht ganz Schritt halten mit dem Ehrgeiz und Anspruch, der auf inhaltlicher Ebene durchscheint.

Fazit: Regisseur und Drehbuchautor Bernd Böhlich vertieft sich mit diesem ernsten Drama in ein interessantes Thema aus der DDR-Geschichte. Unter Stalin in der Sowjetunion der Kriegsära zu jahrelanger Gulag-Haft verurteilte deutsche Kommunisten mussten nach ihrer Rückkehr in die DDR der frühen 1950er Jahre Stillschweigen bewahren. Alexandra Maria Lara spielt die Hauptrolle in einer recht konventionellen Inszenierung, die die Beweggründe dieses gepeinigten Charakters nicht immer differenziert genug beleuchtet.




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