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Kritik: They Shall Not Grow Old (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Mit den Arbeiten für sein ambitioniertes Dokufilm-Projekt begann Star-Regisseur Peter Jackson ("King Kong") 2018 – genau hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs. Die Bilder für seinen Film fand er in den Archiven des Imperial War Museum in London. Jackson restaurierte und kolorierte sie, ließ sie vollständig digital überarbeiten und letztlich in 3D konvertieren. Der Titel seines Films ist eine Anspielung auf das junge Alter im Krieg gefallener Männer: Allein auf britischer Seite waren viele der Soldaten nicht älter als 15 oder 16 Jahre.

Dank der extrem scharfen Bilder und der an unsere Lebenswirklichkeit angepassten Farben gelingt es Jackson und seinem Team tatsächlich, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen – und die Ereignisse rund um den Ersten Weltkrieg auf nie gesehene Weise auf die große Leinwand zu bringen. Als innovativ und kreativ erweist sich dabei nicht nur die technische Umsetzung, auch die inszenatorischen und dramaturgischen Einfälle sind gelungen. Etwa die Tatsache, dass Jackson zu Anfang (die Kriegsvorbereitungen) und zum Ende (die Rückkehr der siegreichen Soldaten in die Heimat) seine Films zunächst Schwarzweiß-Aufnahmen zeigt, die erst allmählich ins Kolorierte überwechseln.

Den Schwerpunkt bilden in der Folge die packenden, teils hochemotionalen Szenen aus den Schützengräben und auf den Schlachtfeldern Flanderns. Besondere Bedeutung kommt hierbei der Tonspur zugute: Wenn die Granaten lautstark einschlagen und es zu dutzenden, akustisch durchdringenden Explosionen kommt, läuft einem vom sicheren Kinosessel aus ein Schauer über den Rücken. Allerdings berücksichtigt Jackson ebenso die Momente abseits der Kämpfe, etwa wenn sich die meist blutjungen Soldaten in Alltagssituationen die Zeit vertreiben.

Der wohl größte Clou: Jackson verzichtet in seiner mit Illustrationen und historischen Fotografien angereicherten Dokumentation auf eine klassische Off-Kommentierung. Er lässt hingegen Schauspieler originale Zeitzeugen-Berichte einsprechen und auch die Soldaten selbst kommen zu Wort. Denn eine Lippenleserin "übersetzte" die Dialoge der Männer aus den Originalaufnahmen und lässt diese das Geschehen damit gewissermaßen selber kommentieren.

Fazit: Emotional gewichtige, technisch brillante und höchst innovative Doku über den Ersten Weltkrieg in nie gesehenen, lebensechten Farbaufnahmen.





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