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Kroos
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Kritik: Kroos (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Toni Kroos steht an einem Waschbecken und schrubbt sein Arbeitsgerät. Während all die anderen Millionäre das Schuheputzen dem Zeugwart überlassen, legt Kroos lieber selbst Hand an. Wenn er an sich heruntersehe, müssten seine Schuhe weiß sein. Vielleicht sei das etwas Psychisches, sagt Deutschlands derzeit wohl einziger Weltklassefußballer. Diese erzählerische Klammer, mit der Regisseur Manfred Oldenburg seinen Film eröffnet und enden lässt, enthält Kroos' Wesen im Kern: bodenständig, akribisch, ruhig, rational, psychisch stark. Eigenschaften, die ihm auch alle Interviewpartner in diesem Dokumentarfilm attestieren.

Um Toni Kroos zu fassen, diese unfassbar präzise Passmaschine, die sich nicht fassen lassen möchte und deshalb den Medienrummel meidet, fährt Oldenburg eine Doppelstrategie. Er porträtiert seinen Protagonisten auf zwei parallel zueinander verlaufenden Erzählsträngen. Während der eine den bereits etablierten Weltstar vom Sommer 2017 bis zum Dezember 2018 begleitet, arbeitet sich der andere nach und nach von Kroos' Kindheit in Greifswald in die Gegenwart vor. Für das nicht immer einfache Verhältnis zwischen Toni Kroos und seinem Vater Roland, der Toni und dessen jüngeren Bruder Felix trainierte, findet Oldenburg mitunter tolle dramaturgische Lösungen. Dann stehen sowohl Toni als auch Roland in zwei aufeinander folgenden Szenen während des Trainings im Regen – der eine bei den Königlichen in einer Metropole, der andere mit seinen Nachwuchskickern in der ostdeutschen Provinz.

"Kroos" ist voll toller kleiner Momente, die die unglaubliche Gelassen- und Ausgeglichenheit seines Namensgebers einfangen. Bei der Verleihung der "FIFA Football Awards" 2017 in London gleitet Kroos abgeklärt durch den irrwitzigen Medienzirkus, grüßt auf den Hotelfluren zwischen Tür und Angel Größen wie FIFA-Präsident Gianni Infantino oder Diego Maradona und verliert dabei weder den Überblick noch die gute Laune. Und nach dem gewonnenen Finale der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien zieht sich Toni Kroos irgendwo am Rand des Geschehens erst einmal die Schuhe aus, während der Rest der Mannschaft freudetrunken mit Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck für ein Foto posiert.

In diesen und vielen anderen Momenten ist man dem Protagonisten wirklich nahe. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportlern wirkt Toni Kroos nicht verstellt. Und auch sein auf viele so unscheinbar wirkendes Spiel hat man nach diesem Film dank mancher Erklärung eines Experten, allen voran den klugen Einlassungen des Philosophen Wolfram Eilenberger, etwas besser begriffen. Die Fachmänner versteigen sich allerdings zu einigen exzentrischen bis abgedroschenen Formulierungen. Für Journalist Marcel Reif ist Kroos "eine Art Landvermesser", für Ex-Profi Matthias Sammer der "Spiritus Rector" und "Dirigent" auf dem Feld, der sein Orchester anleite, für Musiker und Fußballfan Robbie Williams ein "Zauberer" mit einem magischen Fuß.

Angesichts des Könnens sind die Lobeshymnen sicherlich angebracht. Sie wiederholen sich jedoch schnell. Auch hätten es gern weniger der Lobhudler sein dürfen. Allein deren schiere Anzahl wirkt irgendwann beliebig. Wie in so vielen Dokumentarfilmen über Sportler ist letztlich auch "Kroos" mehr von der Nähe verführte Bewunderung als distanzierte Betrachtung – egal, aus welch ungewöhnlichem Blickwinkel die Kamera das Geschehen mitunter einfängt, und egal, welch andere Themen wie etwa Fußball als Religion der Film nebenbei anschneidet. Kritische Stimmen kommen nicht vor und wenn, dann nur von Kritikern wie Reif, der seine Meinung über Kroos längst revidiert hat.

Fazit: "Kroos" ist das Porträt eines Spitzenfußballers, das seinem Protagonisten erstaunlich nahekommt und manch vorgefertigte Meinung über ihn widerlegt. Wie vielen anderen Porträts über berühmte Persönlichkeiten hätte aber auch diesem Dokumentarfilm etwas mehr Distanz gutgetan.




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