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Beoning
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© Central Film © Capelight Pictures

Kritik: Burning (2018)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Derzeit schafft es wohl keine andere Nation so gut wie Südkorea, Genrekino mit Gesellschaftskritik zu verbinden. Egal ob im Animations-, Zombie-, Monster- oder Serienkiller-Film – unter der genretypischen Oberfläche schwelen Generationenkonflikte, Klassenkämpfe und andere heikle Themen wie Frauenfeindlichkeit. Ein Meister dieser Verschränkung ist Joon-ho Bong. Für "Parasite" hat er im Frühjahr 2019 bei den Filmfestspielen in Cannes die Goldene Palme erhalten. Ein Jahr vorher räumte sein Landsmann Chang-dong Lee an der Croisette lediglich den Kritikerpreis ab. Dabei ist dessen "Burning" ein meisterhaftes Rätsel.

"Burning" beginnt als Liebesfilm und endet als Thriller, der die Zusehenden mit mehr Fragen entlässt, als er Antworten gibt. Lee zwingt sein Publikum, zwischen den Zeilen zu lesen, und verlangt ihm viel Geduld ab. Wer die aus dem amerikanischen Kino gewohnte, allumfassende Aufklärung erwartet, sitzt im falschen Film. Zwar liegt eine bestimmte Lesart nahe, Lees offene Erzählweise, die mehr andeutet, als sie ausspricht, lässt aber mannigfache Interpretationsmöglichkeiten zu. Was ist wahr, was falsche Erinnerung? Wer ist hier Täter, wer Opfer? Ist tatsächlich ein Verbrechen geschehen? Und ist das Ende echt oder vom angehenden Schriftsteller nur ausgedacht?

Der Film basiert auf Haruki Murakamis Kurzgeschichte "Barn Burning". Lee dehnt sie auf 148 metaphorische, ungemein hypnotische Minuten. Obwohl im Grunde kaum etwas passiert, verströmt "Burning" in jeder von Kameramann Kyung-pyo Hong bestechend schön eingefangenen Einstellung eine ungeheure Anspannung, die sich in der allerletzten Sequenz eruptiv entlädt. Mowgs minimalistische, aber nervenaufreibende Musik und die vielsagenden Blicke des sich wundervoll ergänzenden Schauspielertrios tragen zur eigenwilligen Atmosphäre bei.

Dazwischen gibt es durchaus Längen. Auf Lees bedächtigen Erzählfluss muss man sich einlassen. Wer ausreichend Sitzfleisch mitbringt, wird mit einem bisweilen traumhaft-unwirklichen Stilmix belohnt; mit einer bitterbösen Gesellschaftsparabel, in der gelangweilte Reiche sich an der Armut anderer belustigen und sich der Armen unbescholten entledigen, weil sich die Polizei nicht dafür interessiert. Das ist zumindest eine Lesart dieses vielschichtigen Films.

Fazit: Mehr als ein Jahr nach seiner Weltpremiere in Cannes kommt Chang-dong Lees "Burning" in die deutschen Kinos. Das Warten hat sich gelohnt. Mit tollen Schauspielern, bestechend schönen Bildern und minimalistischer Musik mischt Lee meisterhaft Liebesfilm, Gesellschaftsdrama und Thriller. Ein rätselhaftes, bisweilen traumhaft-unwirkliches Filmerlebnis.




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