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Kritik: Late Night - Die Show ihres Lebens (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Multitalent Mindy Kaling ("The Mindy Project") kennt sich im Fernsehen aus. Ihre Karriere startete die Stand-up-Komikerin, Schauspielerin, Drehbuchautorin, Produzentin und Synchronsprecherin, die bereits bei zehn Serienepisoden Regie geführt hat, als Praktikantin bei "Late Night with Conan O'Brien". In der Comedyserie "The Office" (2005-2013), der US-Neuauflage des gleichnamigen britischen Formats, spielte sie nicht nur mit, sondern war auch die erste Frau im Autorenteam. Wenn Kaling sich nun also den Themen Gleichstellung, Diversität und Kreativität in der TV-Branche annimmt, bewegt sie sich auf vertrautem Terrain.

Die Grundkonstellation und in großen Teilen auch der Humor erinnern an Tina Feys Comedyserie "30 Rock" (2006-2013), in der eine von Fey selbst gespielte Chefautorin sich mit ihrem männlichen Autorenteam und ihrem Vorgesetzten herumärgerte. So weit muss es Kalings Figur in "Late Night" erst noch bringen. Die Drehbuchautorin erzählt ihre Geschichte aus zwei Blickwinkeln. Während ihr eigener Charakter die Frauenquote nutzt, um sich nach oben zu arbeiten, hat ihre Chefin ihren Zenit bereits überschritten. Deren Figur erinnert rein optisch an Ellen DeGeneres, hat im Gegensatz zu dieser oder der wohl berühmtesten US-Moderatorin Oprah Winfrey allerdings eine Show, die abends und nicht "nur" tagsüber läuft. Wie Emma Thompson diese Katherine Newbury mit intellektueller Überlegenheit und arroganter Weltverachtung gibt, bis sie ganz tief vom hohen Ross stürzt, ist ebenso köstlich wie berührend.

Als Regisseurin hat Kaling die ebenfalls TV-erprobte Nisha Ganatra ("Transparent", "Shameless", u. a.) mit an Bord geholt, die diese leichtfüßige, nie zynische Showbusiness-Satire souverän, aber unauffällig inszeniert. Kalings Pointen sitzen, auch wenn sie manchen nicht weit genug gehen mögen. Doch ätzender Spott war noch nie Kalings Sache. Sie formuliert ihre Kritik an Chancenungleichheit, Privilegien und (männlichen) Seilschaften stets charmant, aber nachdrücklich. Es ist ein leiser Humor, der dadurch umso besser haften bleibt. Jedwede Zeitgeisterscheinung – von nichtssagenden Internetstars über sich benachteiligt fühlende, weinerliche Männer bis zum Verfall der Gesprächskultur und zur Doppelmoral der Medienlandschaft (Stichwort: Slutshaming) – bekommt ihr Fett weg.

Mit Emma Thompson hat Kaling die perfekte Hauptdarstellerin gefunden. Die zweifache Oscar-Preisträgerin wechselt mühelos zwischen Comedy und Drama. Besonders in den ruhigen, nachdenklichen Momenten mit ihrem kranken Ehemann Walter (wunderbar verletzlich: John Lithgow) ist sie großartig. Gepaart mit einer bunten Truppe schräger Autoren, von denen jeder einen anderen Spleen hat, ist Kaling ein amüsanter Blick hinter die Kulissen einer Talkshow geglückt. Eine Wohlfühl-Medien-Komödie zwar, ja, aber eine, die den Finger in viele Wunden legt. Denn im echten Leben fällt einem eine Late-Night-Moderatorin, die wie Katherine Newbury seit beinahe drei Jahrzehnten im Geschäft ist, nicht ein.

Fazit: "Late Night" ist eine leichtfüßig inszenierte, pointiert geschriebene Medien-Satire, die den Finger gleich in mehrere Wunden legt. Aus dem charmanten, durchweg toll besetzten Ensemble sticht Hauptdarstellerin Emma Thompson hervor, die die Läuterung ihrer Figur gleichermaßen glaubwürdig, amüsant und berührend spielt.




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