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Es gilt das gesprochene Wort
Es gilt das gesprochene Wort
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Kritik: Es gilt das gesprochene Wort (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Derzeit hält das deutsche Kino viele Nachwuchshoffnungen bereit. Ilker Çatak ist eine davon. Schon als Student heimste der 1984 geborene Sohn türkischer Einwanderer für seine Kurzfilme eine Nominierung und eine Auszeichnung bei den Studenten-Oscars sowie zwei Auszeichnungen beim Filmfestivals Max Ophüls Preis ein. Sein Langfilmdebüt, die Jugendromanadaption "Es war einmal Indianerland" (2017), war ein erzählerisch und visuell verspieltes Experimentierfeld. Gerade arbeitet er an einer weiteren Literaturverfilmung, setzt Finn-Ole Heinrichs "Räuberhände" (2007) für die große Leinwand um. Dazwischen legt er eine Geschichte vor, die er seit seiner Jugend mit sich herumtrug und die ganz anders daherkommt als sein buntes und lautes Debüt.

Mit zwölf Jahren zog Çatak nach Istanbul um. Bis zu seinem 18. Lebensjahr verbrachte er seine Sommerferien in Marmaris, wo seine Großeltern eine kleine Pension am Mittelmeer betrieben. Dort wurde er Zeuge eines faszinierend-irritierenden Schauspiels: "Einerseits junge Männer aus Anatolien, die im Streben nach Wohlstand und Reichtum keine Moral kennen und alles in Kauf nehmen, um ihren Traum von Europa wahr werden zu lassen. Andererseits Frauen auf der Suche nach einer anderen Wirklichkeit – nach Sinnlichkeit und Liebe", erinnert sich Çatak.

Baran (Oğulcan Arman Uslu) und Marion (Anne Ratte-Polle) vollführen dieses Schauspiel wie einen schüchternen Tanz voller langsamer Annäherungen und unerwarteter Wendungen. Denn Çatak und sein Co-Autor, Schriftsteller Nils Mohl, von dem die Vorlage zu Çataks Erstling stammt, erzählen ihre Geschichte behutsam und mit Zuneigung für ihre Figuren. Trotz der von Kameramann Florian Mag präzise und kühl komponierten Einstellungen blickt Çatak voller Wärme auf seine Charaktere und bildet damit eine Art Antithese zu Ulrich Seidls klinisch-zynischem "Paradies: Liebe" (2012).

Wo "Es war einmal Indianerland" schnell und schrill war und seine formalen Mittel in den Vordergrund rückte, nimmt sich "Es gilt das gesprochene Wort" zurück. Die drei Kapitel "ich war", "du bist", "wir werden sein" verleihen der Handlung Struktur und spiegeln den Inhalt. Blau- und Grautöne dominieren. Selbst die Sonne über dem Mittelmeer in Marmaris strahlt nur gedämpft, stehen das Licht und die Farben doch auch immer für die Stimmungen der Protagonisten, die erfrischend klischeefrei gezeichnet sind.

Baran ist kein skrupelloser Gigolo, sondern ein nachdenklicher, verletzlicher junger Mann, der an seinen Lebensumständen zu zerbrechen droht. Marion ist keine verzweifelte, keine den schnellen Spaß oder Macht suchende Frau, sondern eine unabhängige und selbstbewusste; nach außen rational und unterkühlt, aber nicht kalt. Was sie verbindet, ist der Wunsch nach Veränderung und eine von Anne Ratte-Polle und Oğulcan Arman Uslu umwerfend glaubhaft gespielte Grundehrlichkeit. Beide, Marion mehr als Baran, bewahren sich zudem bis zuletzt einen Rest Unergründlichkeit, der viel vom Reiz ausmacht, ihnen auf ihrem Weg zuzusehen.

Dieser Weg ist voll kleiner, aufmerksam beobachteter und klug geschriebener Gesten, Worte und Metaphern. Barans sehnsüchtiger Blick auf ein Flugzeug fängt ein Schnitt in Marions Cockpit auf. Nach einem Besuch beim Augenarzt sieht er in mehrfacher Hinsicht klarer. Und Marion nennt er erst gehässig, später liebevoll "Captain". Wohin ihre Reise führt, bleibt über das Ende hinaus offen. Ein Liebesfilm wie ein Blindflug und garantiert keiner im Autopilot.

Fazit: Ilker Çataks zweiter abendfüllender Spielfilm ist ganz anders als sein Debüt "Es war einmal Indianerland", aber erneut großes Kino. Ein zurückhaltend inszeniertes und fabelhaft gespieltes Drama über eine eigentlich unmögliche Liebe, mit der Çatak, abermals beweist, das man auch in Zukunft mit ihm rechnen muss.




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