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800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz
800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz

Kritik: 800 mal einsam - Ein Tag mit dem Filmemacher Edgar Reitz (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Edgar Reitz hat viel gesehen, viel erlebt, viel erreicht und gibt darüber offen Auskunft. Bei einem aber liegt er daneben: den Ausmaßen der Essener Lichtburg. Deutschlands größter Kinosaal zählt nicht nur 800, sondern 1250 Sitze. "1250 mal einsam" müsste dieser Dokumentarfilm also eigentlich heißen. Doch Reitz hat sich verschätzt, und "800 mal einsam" klingt sowieso besser. Sein eigenes Werk und die deutsche Filmlandschaft schätzt der Regisseur hingegen ziemlich treffend ein.

Anna Hepp und ihr kleines Team haben Reitz einen Tag lang begleitet. Aus ihrer Bewunderung für den Kollegen macht sie keinen Hehl. Und auch den Entstehungsprozess ihres Films bildet sie im Film ab. Die technischen Spielereien – zunächst eine Art Spiegelung von Reitz' Kurzdokumentarfilm "Susanne tanzt" (1979), später der Wechsel von Schwarz-Weiß zu Farbe, der Einsatz von Zeitraffer usw. – hätte sich Hepp indessen sparen können. Sie bleiben mehr ungelenke Fingerübung als Zugewinn und wären auch gar nicht nötig gewesen.

Der Dialog mit Reitz, von Hepp stets neugierig, nachforschend und auf Augenhöhe geführt, ist Gewinn genug. Hier erfährt das Publikum Erkleckliches über das Filmemachen, über künstlerische Hingabe, die an Selbstaufgabe grenzt, und über das "Deutsche am deutschen Film". Ebenfalls sehenswert: Wenn der ansonsten so ruhige und reflektierte Reitz beim Gespräch über den dritten Teil seiner "Heimat" und die Hindernisse bei dessen Fertigstellung beinahe gereizt reagiert. Hepp und Reitz könnte man stundenlang zuhören. Leider dauert der Film nicht einmal eineinhalb Stunden.

Fazit: Wer über die eher bemühten technischen Spielereien dieses Dokumentarfilms hinwegsieht, bekommt ein aufschlussreiches Gespräch über das Kino, die Kunst und das Leben geboten. Klug, spannend, erfrischend unaufgeregt.




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