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Kritik: The Lodge (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Die gebürtigen Wiener Veronika Franz und Severin Fiala bilden in vielerlei Hinsicht ein beachtliches Gespann. Sie, Jahrgang 1965, startete ihre Karriere als Filmjournalistin und wechselte dann die Seiten. Für ihren Landsmann Ulrich Seidl schreibt sie bis heute Drehbücher. Er, Jahrgang 1985, heuerte als Jugendlicher bei Franz als Babysitter an, war allerdings mehr an ihrer VHS-Sammlung als an seinem Job interessiert. Knapp 20 Jahre später landeten sie gemeinsam hinter der Kamera.

Franz und Fiala führten 2012 erstmals zusammen Regie bei ihrem Dokumentarfilm über den Schauspieler und Regisseur Peter Kern. Zwei Jahre später folgte der Psychothriller "Ich seh ich seh". Ihr englischsprachiges Debüt knüpft nun genau dort an, wo der international gefeierte Vorgänger aufhörte. Auch "The Lodge" spielt in einem abgeschiedenen Haus am See, allerdings im eiskalten Winter. Erneut bildet die Familie die erzählerische Keimzelle, aus der nichts Gutes erwächst. Und abermals sind die Kinder ebenso furchteinflößend, wenn nicht erschreckender als die Erwachsenen. Die Gutenachtlieder, die auf der Tonspur für Gänsehaut sorgten, sind der Kirchenmusik gewichen.

"Ich seh ich seh" und "The Lodge" erzählen davon, dass der Horror im Alltäglichen lauert, und davon, wie ein Trauma die menschliche Psyche ins Wanken bringen kann. Zur Familie gesellt sich dieses Mal überdeutlich die Religion, die in "Ich seh ich seh" nur eine minimale Rolle spielte. Vielleicht ja ein Zugeständnis an den nordamerikanischen und internationalen Markt? Wo der Vorgängerfilm bis zu seinem furiosen Finale dem Publikum nur winzig kleine Informationshappen hinwarf, formuliert "The Lodge" bei aller Offenheit und Deutbarkeit deutlich mehr aus. Das ist ein Verlust, kein Zugewinn.

Narrativ und inszenatorisch beweisen Franz und Fiala indes, dass auch in Zukunft mit ihnen zu rechnen ist. Abermals nehmen sie sich ausreichend Zeit, die richtige Atmosphäre zu schaffen. Bevor sich der Horror erstmals ins Bild schleicht, vergehen 40 Minuten. Dank karger, architektonisch fein komponierter Sets und Einstellungen und mit innovativen Bildern voller Todessymbolik glückt dem Duo auch dieses Mal ein erstaunlicher Film, der von der handelsüblichen Horror-Bückware unzählige Regalmeter entfernt ist.

Dass er am Ende – ob rein zufällig oder beabsichtigt – an vielen Stellen an "Hereditary" (2018) erinnert, fällt nicht wirklich ins Gewicht. Gemeinsam mit dessen Regisseur Ari Aster und den Kollegen Robert Eggers ("The Witch", "Der Leuchtturm") und Jessica Hausner ("Hotel", "Little Joe") stehen Franz und Fiala für das Gänsehaut-Kino der Zukunft: klaustrophobisch, hypnotisch, virtuos und bedeutungsoffen.

Fazit: An den Vorgänger "Ich seh ich seh" reicht "The Lodge" zwar nicht heran. Das Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala versetzt sein Publikum aber erneut in ein atmosphärisch dichtes, klug geschriebenes und virtuos inszeniertes Horrorszenario. Wer von den immer gleichen und vorhersehbaren Schockern die Nase voll hat, ist hier genau richtig.




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