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La vérité - Leben und lügen lassen
La vérité - Leben und lügen lassen
© Prokino

Kritik: La vérité - Leben und lügen lassen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Wechsel zwischen den Welten glückt nicht jedem Regisseur. Und selbst jene, die auch fern ihrer (filmischen) Heimat Beachtliches vorlegen, reichen mit ihren neuen Werken oft nicht an die zuvor gedrehten heran. Ob es an unterschiedlichen Produktionsprozessen liegt oder schlicht und simpel an Kommunikationsproblemen aufgrund der fremden bzw. einer zu fremden Sprache? Wer Hirokazu Kore-edas "La vérité" sieht, könnte zumindest an zwei andere großartige Filmemacher erinnert sein, deren Ausflüge ins Ausland zwar gelungen, aber eben lange nicht so großartig wie ihre zu Hause gedrehten Spielfilme waren: Asghar Farhadi und Bong Joon-ho.

Während der Iraner Farhadi weder mit seinem in Frankreich gedrehten "Le passé" (2013) noch mit dem in Spanien realisierten und prominent besetzten Drama "Offenes Geheimnis" (2018) das Niveau seiner teils hochdekorierten Vorgängerfilme erreichte, krönte Bong seine Karriere mit gleich drei Oscars für "Parasite" (2019) erst nach seiner Rückkehr nach Südkorea. Die zuvor mit internationalen Stars gespickten und durchaus ansehnlichen Genremixturen "Snowpiercer" (2013) und "Okja" (2017) sind von der Brillanz von Bongs Klassenkampfparabel ein gutes Stück entfernt.

Wie Farhadi und Bong ist auch Kore-eda ein Liebling des internationalen Festivalzirkusses und gleich mehrfach preisgekrönt. In Cannes hat er bereits zwei Auszeichnungen erhalten, den Preis der Jury für "Vater und Sohn" (2013) und die Goldene Palme für "Shoplifters" (2018), der später auch für einen Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert war (aber gegen Alfonso Cuaróns "Roma" verlor). Dass der 1962 geborene Japaner irgendwann in Frankreich drehen würde, schien also nur eine Frage der Zeit.

"La vérité" wartet dann auch gleich mit einem weiteren Unikum auf. Das Familiendrama ist nicht nur Kore-edas erster außerhalb Japans entstandener Film, es ist auch der erste überhaupt, in dem die zwei Grandes Dames Catherine Deneuve und Juliette Binoche gemeinsam vor der Kamera stehen. Das Spiel der beiden, wie sie sich als Mutter und Tochter aneinander abarbeiten und dabei alle Register ihres Handwerks ziehen, bildet denn auch das unbedingt sehenswerte Herzstück dieses Films.

Die übrigen Gewerke, ob Kore-edas durch Meta-Ebenen mehrfach gespiegelte Handlung oder Eric Gautiers solide, aber nie umwerfende Kameraarbeit, bleiben hinter der zuvor in Kore-edas Filmen gezeigten Klasse zurück. Die Liebe für seine Figuren ist aber auch dieses Mal bewegend. Der Regisseur umarmt ihre Schwächen, anstatt sie zu verurteilen. Im Grunde leiden Mutter und Tochter an derselben Verletzung. Doch während die eine ihre Wunden offen zur Schau trägt, überdeckt die andere ihre mit einem Panzer aus Arroganz.

Am Ende heilt Mutter und Tochter die gemeinsame Arbeit an einem Film, dessen Geschichte sie an ihre eigene erinnert. So kraftvoll und heilsam können Geschichten, kann das Kino sein – und so trügerisch das Gedächtnis. Nicht alles in beider Leben ist eine Lüge, einiges schlicht eine falsche Erinnerung. Kore-eda inszeniert das ruhig und beiläufig und schön. Einzig die deutsche Synchronfassung, in der die englischen Stellen mal die Schauspieler, mal die Synchronsprecher sprechen, irritiert. Wer die Möglichkeit hat, sollte sich dieses Familiendrama in der Originalversion ansehen.

Fazit: In seinem ersten außerhalb Japans gedrehten Drama vereint Hirokazu Kore-eda die zwei französischen Filmgrößen Catherine Deneuve und Juliette Binoche erstmals gemeinsam vor der Kamera. Ihre Darbietungen sind grandios und ziehen alle Register der Schauspielkunst. An Kore-edas große Werke wie "After Life", "Vater und Sohn" oder "Shoplifters" reicht dieses facettenreiche und abwechslungsreiche Familiendrama allerdings nicht heran.




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