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Kritik: Auf der Couch in Tunis (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

In ihrem Spielfilmdebüt setzt sich die französische Regisseurin Manele Labidi mit der tunesischen Heimat ihrer Eltern auseinander. Die aus Paris nach Tunis zurückgekehrte angehende Psychotherapeutin Selma ist sozusagen ihr filmisches Alter Ego. Mit der Haltung einer in Europa sozialisierten Frau fällt die Hauptfigur in Tunis wie ein bunter Hund auf. Selma bekommt zu hören, dass sie sich einen Mann suchen soll. Von Sigmund Freud und seiner Psychoanalyse hat noch kaum jemand gehört. Doch hinter der traditionell gefärbten Abwehrhaltung, die Selma begegnet, kommt bald der Redebedarf von Personen zum Vorschein, deren Sehnsucht nach individueller Freiheit und Veränderung ebenfalls groß ist.

Mit liebevollem Blick, aus dem oft genug auch Verwunderung spricht, betrachtet Labidi aus Selmas Perspektive die Bewohner von Tunis. Die Revolution von 2011 hat zwar eine Liberalisierung bewirkt, doch auch große Verunsicherung. Selma vertraut darauf, dass Behörden ihre Arbeit tun, doch als sie die Zulassung ihrer Praxis beantragt, erlebt sie ihr blaues Wunder. Von allen Seiten wird ihr zugesetzt, von den Leuten, deren Erwartungen sie nicht entspricht, von der Behörde, in der sie sich klein und ohnmächtig fühlt. So erlebt die Psychotherapeutin die gesellschaftlichen Probleme, die auch ihre Klienten plagen, am eigenen Leib.

Obwohl in der Geschichte viel Komik steckt, ist der Tonfall meist durchwachsen. Selmas Kulturschock hat ernste Seiten und wird sehr realitätsnah geschildert. Vergnügen bereiten die unterschiedlichen Charaktere, die an die Therapeutin mit zum Teil ganz falschen Vorstellungen herantreten und auch sonst für kleine Anekdoten sorgen.

Die iranische Schauspielerin Golshifteh Farahani schlüpft in die Hauptrolle wie in eine zweite Haut. Beharrlich, stolz und manchmal sehr allein bahnt sich die junge Frau in Tunis ihren Weg. Ihr Kontakt mit dem pflichtbewussten Polizisten schwebt in einem spannenden Gleichgewicht aus Romanze und Gegnerschaft. Wunderbar ist eine von magischem Realismus erfüllte Szene, in der Selma ein verdächtig an Sigmund Freud erinnernder Mann erscheint, als ihrem Auto der Motor ausgeht und ihr selbst die Zuversicht. Auch zum Vater der Psychoanalyse hat sie kein ungetrübtes Verhältnis, aber daraus erwächst ihre Kreativität.

Fazit: Das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Manele Labidi erzählt als realistisch geerdete Dramödie von einer jungen Frau, die aus Paris nach Tunis zurückkehrt, um dort eine psychoanalytische Praxis zu eröffnen. Die emanzipierte, von Golshifteh Farahani überzeugend und kraftvoll gespielte Heldin begegnet einer Gesellschaft im Umbruch, in der es Behördenwillkür und einengende Traditionen gibt. Die absurden Hürden, die sich vor der Existenzgründerin auftun, die markanten Charaktere, die ihre Praxis aufsuchen, sorgen für Komik. Seine eigene Handschrift offenbart das unterhaltsame Drama aber, indem es Klischees immer wieder mit liebevollem, differenziertem Blick durchkreuzt.




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