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Kritik: Schmucklos (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Zwischen der Handlung dieser münchnerischen Komödie und ihrer Entstehungsgeschichte gibt es einige Parallelen. Ähnlich wie die beiden filmischen Hauptfiguren Augustin und Roland hatte auch der Regisseur Thomas Schwendemann ("Wer 4 sind") eine Idee, aber kein Geld. Es gab keine Förderung für dieses Filmprojekt, Produzenten winkten ab. Da war aber dieser in den 1970er Jahren eingerichtete Hobbyraum im Keller der Großmutter und Schwendemann beschloss, dort zu drehen und den Film selbst zu produzieren. Von den angefragten Schauspielern sagte zuerst Marianne Sägebrecht zu, die als Augustins Oma aus einem Gemälde zu ihm spricht. In weiteren Nebenrollen und Gastauftritten geben sich Eisi Gulp, der den obdachlosen Harald spielt, Uschi Glas, Michaela May, der ehemalige Münchner Bürgermeister Christian Ude und andere bekannte Gesichter die Ehre.

Schwendemann und sein Co-Autor Stefan Fent können auch darstellerisch überzeugen, denn Augustin und Roland ergeben ein spannungsgeladenes komödiantisches Duo. Schon sprachlich bestehen Differenzen, denn der Österreicher Roland parliert eben ein wenig anders als die Münchner, aber nicht minder kernig. Mit seinen Charakteren ist der Film auf der Suche nach dem alten Charme der einstigen Münchner Vorstadtviertel, der von der Gentrifizierung so gründlich wegsaniert wird.

Der obdachlose Harald sinniert trefflich darüber, wie das Leben aus der Stadt verschwindet, die sich immer weniger Bewohner noch leisten können. Im "Schmucklos" finden Arm und Reich, Jung und Alt ein zweites Wohnzimmer und ein Gemeinschaftserlebnis, das nicht nur dem halluzinogenen alten Schnaps geschuldet ist.

Stilistisch wird einiges geboten, von der sprechenden Kakerlake mit Basecap über bebilderte Fantasien der Charaktere und Slideshows mit Musik bis hin zu einem in Westernmanier angekündigten Showdown. Auch der erzählerische Kommentar, den Hansi Kraus spricht, ist mit seiner altertümlichen Sprache - "unser wackerer Recke Roland" - reizvoll. Das Ganze gerät allerdings etwas zu harmlos, trotz der Sozialkritik neigt der Film zum unbekümmerten Klamauk, der etwas selbstgefällig vor sich hindümpelt von einem Gläschen Schnaps zum nächsten. Zu viele Anekdoten werden hineingestopft, die eine klare Linie vermissen lassen.

Fazit: Die von Thomas Schwendemann inszenierte und produzierte Komödie, in der er einen abgebrannten Werbefilmregisseur und Kneipengründer spielt, beschwört den alten Charme Münchens herauf, dem die Gentrifizierung an den Kragen will. Die Idee, ein Gasthaus mit großelterlichem Anti-Chic und minimalistischem Angebot zum Kultlokal aufsteigen zu lassen, erweist sich als ausgesprochen reizvoll. Die Kneipe wird Schauplatz eines sozialen Brückenschlags zwischen Schichten und Generationen, während sich ihre beiden Betreiber nur bedingt vertragen. Der inhaltliche und gestalterische Ideenreichtum des Films lässt mit der Zeit jedoch eine klare Linie und frechen Biss vermissen.








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