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Kritik: The Farewell (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Spielfilm der aus China stammenden amerikanischen Regisseurin und Drehbuchautorin Lulu Wang ("Die Kunst des Liebens") beginnt mit einer originellen Abwandlung der oft gelesenen Textzeile "basierend auf einer wahren Geschichte". Hier heißt es nämlich, das filmische Geschehen beruhe "auf einer wahren Lüge". Eine Familie will der in China lebenden, krebskranken Großmutter verheimlichen, wie es um sie steht, reist aber an, um sie nochmal zu sehen. Lulu Wang hat so einen Fall in ihrer eigenen Familie erlebt. Mit humorvollem Blick begleitet sie die junge Hauptfigur Billi bei ihrer konflikthaften Auseinandersetzung mit einer Großfamilie, die sie kaum kennt und mit einer chinesischen Kultur, die ihr ebenfalls ziemlich fremd vorkommt.

Die lebhafte, fröhliche Großmutter Nai Nai hält sich für kerngesund. Sie fiebert der Hochzeitsfeier entgegen, während der Rest der Familie eine gedämpftere Stimmung verbreitet. Es gibt einen in Japan wohnenden Zweig der Familie, den amerikanischen und noch einen chinesischen Teil, der von Nai Nais treusorgender Schwester abstammt. Bald treten aufgrund der verschiedenen kulturellen Prägungen Spannungen auf. Zugleich bekommt Billi von ihrer Mutter zu hören, dass man seine Gefühle nicht zur Schau tragen dürfe. Dabei hat sie der Verzicht auf die Großmutter bereits als Kind geschmerzt, als sie nach Amerika ziehen musste. Awkwafina spielt Billis nur mühsam gezähmte innere Revolte, ihre Haltung des Infragestellens hervorragend.

Billis fehlendes Verständnis für die chinesische Auffassung, dass die Familie der Kranken ihr Leid ersparen und es für sie tragen müsse, dürften viele Zuschauer teilen. Bis zum Schluss ist Billi nicht davon überzeugt, dass man die Großmutter belügen sollte, sie befragt sogar einen jungen Arzt und hört von ihm doch nur, dass sich die meisten chinesischen Familien ebenso verhalten würden.

Auf der Hochzeitsfeier wird dann getanzt, gesungen, geweint. Alle spüren die Wirkung des familiären Zusammenhalts, eine innere Belebung und Versöhnung. Diesen Prozess kennt man auch aus anderen Filmen, in denen eine Feier eine Familie wieder zusammenbringt. Hier werden dramatische oder rührselige Töne aber vermieden. Der Erzählstil wirkt nüchtern und zugleich leicht und locker. Billi erlebt alles ein wenig wie in Trance, als folge sie ungläubig einem schrägen Theaterspiel. Die Kamera zeigt die Familie in Zeitlupe, wie sie durch die Straßen geht, und man schaut ihr mit dem gleichen Staunen zu, das auch Billi empfinden muss.

Fazit: Soll man der eigenen Großmutter sagen, dass sie krebskrank ist und nicht mehr lange leben wird? Ja, denkt die in Amerika aufgewachsene Enkelin der Chinesin, bei der sich die Verwandten von nah und fern unter dem Vorwand einer Hochzeitsfeier versammeln. Nein, sagt der Rest der Familie. Die amerikanische Regisseurin Lulu Wang lässt in diesem realitätsnah nüchternen, aber auch humorvollen Drama gegensätzliche kulturelle Werte aufeinanderprallen und demonstriert dabei eindrucksvoll die Macht der Familie.




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