oder

Kritik: Freies Land (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Bereits 2014 erblickte der von Alberto Rodríguez inszenierte spanische Provinzkrimi "La isla mínima – Mörderland" das Licht der Welt und räumte im Anschluss zahlreiche Preise ab. 2016 verhalf dann der hiesige Verleih Drop-Out Cinema dem bedrohlich brodelnden Film, der die Jagd nach einem Serienkiller auf eindringliche Weise mit den Nachwehen der Franco-Diktatur verbindet, auch hierzulande zu einem kleinen Kinostart. Nachhaltigen Eindruck machte der politisch aufgeladene Thriller-Stoff offenbar auf Regisseur und Drehbuchautor Christian Alvart ("Abgeschnitten"), dessen hartnäckige Bemühungen um ein Spannungskino made in Germany trotz mancher Fehlschüsse imponieren. Mit "Freies Land" verpflanzt er die iberische Ermittler-Story aus der Post-Franco-Zeit in den deutschen Kontext und versucht sich an einer Beschreibung der Enttäuschungen, die die Wiedervereinigung mit sich brachte.

Im Jahr 1992 treffen der aus dem Westen stammende Polizist Patrick Stein (Trystan Pütter) und der aus dem Osten kommende Kollege Markus Bach (Felix Kramer) in einer abgelegenen Region im Oderbruch zusammen. Gemeinsam sollen die – natürlich – grundverschiedenen Kommissare das Verschwinden zweier Schwestern untersuchen, stoßen bei ihren ersten Nachforschungen aber zumeist auf eine Mauer des Schweigens. Ein paar hilfreiche Hinweise liefert ihnen zunächst einzig die verzweifelte Mutter der Vermissten (Nora von Waldstätten). Als die übel zugerichteten Leichen der jungen Frauen auftauchen, steht plötzlich eine schreckliche Vermutung im Raum: Offenbar treibt ein Serientäter in der abgelegenen Gegend unbemerkt sein Unwesen.

Trist und ungemütlich sind die ausgeblichenen Bilder, in die der auch als Kameramann fungierende Alvart sein provinzielles Setting taucht. Aus jeder Einstellung tropft das nasskalte Winterwetter, das freilich ebenso ein Spiegel der Befindlichkeiten ist. Hier, tief im Nordosten, ist im Prinzip nichts mehr zu spüren von den Verheißungen des Mauerfalls. Vom Aufschwung, den manch ein Politiker in der Wendeeuphorie vollmundig versprochen hat. Häuser stehen leer. Maschinen rosten vor sich hin. Und vor allem die Jugend kennt nur ein Ziel: so schnell wie möglich weg! "Freies Land" etabliert von den ersten Minuten an ein Klima der Perspektiv- und Trostlosigkeit. Eine niederschmetternde Stimmung, der sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann.

Während sich die Musik mitunter zu sehr anstrengt, Nervenkitzel heraufzubeschwören, zieht der Regisseur aus den Ermittlungen des gegensätzlichen Polizistenduos einige packende Szenen und spornt seine beiden Hauptdarsteller zu ordentlichen Leistungen an. Wer die Rodríguez-Vorlage nicht gesehen hat, dürfte sich von den Wendungen des düsteren Falls mitreißen lassen. Kenner des spanischen Films hingegen werden sich wahrscheinlich manchmal ärgern, dass die Adaption nur äußerst selten den Weg der Ursprungsgeschichte verlässt und sogar einige visuelle Stilmittel übernimmt. Sich an einer fremden Arbeit zu orientieren, ist sicher nicht verwerflich. Ab und an hätte es aber schon stärkere eigene Akzente gebraucht, um aus dem Schatten von "La isla mínima – Mörderland" herauszutreten. Indem er sich an die Handlung des Originals klammert, verpasst Alvart nämlich die Chance, die Wut über leere Versprechungen und die Ausbeutung des Ostens durch den Westen noch etwas genauer zu ergründen. Gerade weil der Riss zwischen alten und neuen Bundesländern seit einiger Zeit wieder deutlicher zu spüren ist, wäre ein präziserer Blick ungemein reizvoll gewesen.

Fazit: Atmosphärisch macht der grimmige Kriminalthriller über die Enttäuschungen nach der Wende einiges her. Inhaltlich klammert er sich aber zu stark an seine Vorlage und reißt daher die sozialen und politischen Hintergründe oft nur an.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.