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Die Wütenden - Les Misérables
Die Wütenden - Les Misérables
© Wild Bunch

Kritik: Die Wütenden - Les Misérables (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Keine Sorge, in diesem Film wird nicht gesungen! "Les Misérables", wie Ladj Lys Debüt im französischen Original und im deutschen Untertitel heißt, ist keine weitere Musical-Adaption. Mit dessen Vorlage, Victor Hugos 1862 veröffentlichtem Roman, teilt dieses Krimi-Drama einen der Handlungsorte. Schon Hugos "Die Elenden", so der deutsche Romantitel, spielte zum Teil in Montfermeil. Seither scheint sich nicht viel geändert zu haben. In der Gemeinde an der Pariser Peripherie herrschen auch im Sommer 2018 noch Elend und Wut.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Ly ist in Montfermeil aufgewachsen und lebt bis heute dort. Vor seinem Spielfilmdebüt hat er diverse Dokumentarformate über seinen Wohnort realisiert. Dementsprechend realistisch ist das Setting. Ly lässt sich viel Zeit, das Kinopublikum gemeinsam mit der Figur des Neuankömmlings in die Gepflogenheiten des Viertels einzuführen. Der Umgangston ist rau, die Methoden sind nicht immer legal. Überall gibt es stillschweigende Übereinkünfte.

Die Handlung folgt mehreren Figuren, über die sich das Drehbuch kein Urteil anmaßt. Jeder Charakter, ob Polizist oder Clan-Mitglied, ist ambivalent. Die Geschichte ist ungemein dicht, die Kamera dynamisch, ohne dabei pseudo-dokumentarisch zu wirken. Auf Musik verzichtet Ly beinahe komplett. Nur vereinzelt ist ein unterschwelliges Dröhnen zu hören, das das beständig anschwellende Bedrohungsszenario andeutet und schließlich in mehreren Verfolgungsjagden in treibende Percussion übergeht.

Ly erzählt von einer bunten, lebhaften Welt, die darunter leidet, dass die Verantwortungsträger Respekt mit Angst verwechseln und auf eine harte Hand setzen. Bei Hugo erstreckte sich die Handlung über 17 Jahre, bei Ly eskaliert sie in nur eineinhalb Tagen. Das erinnert an einen anderen französischen Film, der von 24 verhängnisvollen Stunden in einer Pariser Banlieue erzählt: Mathieu Kassovitz' "Hass" (1995). Bei Kassovitz fliegt gleich zu Beginn ein Molotowcocktail durch die Luft, Lys Film endet mit einem, der vermutlich gleich geworfen wird. Drei Jahre nach "Hass" wurde die französische Fußballnationalmannschaft erstmals Weltmeister. Plötzlich schien auch für Einwandererkinder alles möglich. Lys Drama beginnt mit Frankreichs zweitem WM-Titel. Zwanzig Jahre nach dem ersten Triumph liegen sich Franzosen aller Couleur erneut in den Armen. Zurück in ihren Vierteln wollen die Reichen von den Armen nichts mehr wissen.

Fazit: Langfilmdebütant Ladj Ly liefert eine realistische, dichte und packende Milieustudie ab, die das Versagen der Politik, Polizei und der Bewohner eines sozialen Brennpunkts wertfrei und differenziert betrachtet. Den Preis der Jury in Cannes hat Ly dafür bereits erhalten. Jetzt darf er sich Hoffnungen auf einen Oscar für den besten internationalen Film machen.




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