VG-Wort

oder

Kritik: Suicide Tourist - Es gibt kein Entkommen (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Es tut sich etwas im Genre des phantastischen Films. Seit einigen Jahren mehren sich Werke, die ihre übernatürlichen Elemente nicht länger märchenhaft der Wirklichkeit entrücken, sondern ausgesprochen geerdet an die Realität rückkoppeln. Man könnte diese Tendenz als Sozial-Horror oder Existenzialismus-Mystery bezeichnen. Joachim Triers "Thelma" (2018) und Lisa Brühlmanns "Blue My Mind" (2017) zählen ebenso dazu wie Jonas Alexander Arnbys Langfilmdebüt "When Animals Dream" (2014).

Darin erzählte Arnby das Erwachsenwerden einer jungen Frau als Werwolf-Geschichte – allerdings viel realistischer, sozialkritischer und beiläufiger als im Genre üblich. Es ging um sexuelles Erwachen, um Entfaltungsmöglichkeiten im engen Korsett einer Dorfgemeinschaft und um die Rolle der Frau im Patriarchat. In seinem nächsten abendfüllenden Spielfilm geht es um nicht minder Existenzielles. Dieses Mal blickt Arnby durch die Augen eines mittelalten Mannes. Auch er ist an einem entscheidenden Lebensabschnitt angelangt und stellt sich kritische Fragen über Freiheit(en) und Beschränkungen.

Nikolaj Coster-Waldau spielt diesen Makler, der anderen Lebensversicherungen verkauft, während ihm die eigene Lebenszeit durch die Finger rinnt. In seiner bürgerlichen Existenz halten ihn Konventionen und eine tödliche Krankheit gefangen. Doch auch sein Befreiungsversuch endet in einem Gefängnis. Aus dem Hotel Aurora, in dem er sein Leben beenden will, gibt es kein Entrinnen. Das deutet bereits sein längs gestreifter Pyjama an, der überdeutlich an Sträflingskleidung erinnert.

Dass der Däne mehr sein kann als nur der gut aussehende und charmant durchtriebene Spross des Adelsgeschlechts Lannister aus der Hit-Serie "Game of Thrones" (2011-2019), das hat Coster-Waldau in den vergangenen Jahren in Filmen wie "Zweite Chance" (2014) oder "Shot Caller" (2017) eindrücklich bewiesen. In "Suicide Tourist" liefert er eine ungemein zurückhaltende und zugleich intensive Performance ab, die perfekt zum Drehbuch passt.

Autor Rasmus Birch hat ein cleveres Skript mit zwei versiert verwobenen Handlungsebenen gestrickt. Auf den ersten Blick mutet die Story ganz alltäglich an, bei näherem Hinsehen geben sich jedoch kleine Irritationen in der Textur zu erkennen. Atmosphärische Störungen – von Kameramann Niels Thastum in düsteren Räumen mit wenigen und diffusen Lichtquellen eingefangen, mal bestechend schön, mal klaustrophobisch. Leider erzählt Birch das zu sprunghaft und elliptisch. Wiederholt wirkt es so, als wären entscheidende Teile aus der Handlung herausgeschnitten. Und das offene, mehrfach gewendete Ende bietet nicht mehr als die längst zur Konvention erstarrten Plot-Twists des Genres.

Fazit: Jonas Alexander Arnby bleibt ein Regisseur, mit dem zu rechnen ist. Nach seinem Langfilmdebüt "When Animals Dream" lotet der Däne auch in "Suicide Tourist" die Grenzen des phantastischen Films aus. Versiert gespielt und inszeniert, überzeugen die Handlung und deren Ende nicht vollends.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.