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Chichinette - Wie ich zufällig zur Spionin wurde
Chichinette - Wie ich zufällig zur Spionin wurde
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Kritik: Chichinette - Wie ich zufällig zur Spionin wurde (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Rumzusitzen und auf den Tod zu warten, sei eine schreckliche Sache, sagt Marthe Cohn in Nicola Hens' Dokumentarfilm einmal. Das kommt ihr auch gar nicht in den Sinn. Im April 2020 feierte Cohn ihren 100. Geburtstag. Als Hens sie mit der Kamera begleitet, ist sie 95, 96 und 97 Jahre jung – und permanent auf Achse. Die Filmemacherin tourt mit Cohn für deren Vortragsreisen durch die USA und Europa. Das Wesen ihrer Protagonistin drückt sich ganz treffend bereits im Filmplakat aus.

Darauf streckt Cohn dem Kinopublikum keck die Zunge heraus. Als Spionin lautete ihr offizieller Deckname Martha Ulrich, intern hatte sie in der Armee jedoch den Spitznamen "Chichinette", kleine Nervensäge, weg. Dass sie abseits ihrer Auftritte nicht nur gewitzt, charmant und schlagfertig sein kann, bekommt vor allem ihr Mann Major zu spüren. Durch seine jahrelange Erfahrung steckt er das aber locker weg.

Nicola Hens bereitet Cohns Lebensgeschichte als Mischung aus gegenwärtiger Beobachtung, Archivmaterial und intimen Interviews auf. Erinnerungen, von denen keine Dokumente existieren, werden durch Animationen ergänzt. Die lange Drehzeit hat sich gelohnt. Denn ganz allmählich öffnet sich Cohn der Kamera und gibt auch dunklere Episoden ihrer Vergangenheit preis, über die sie am Anfang noch schweigt.

Eigentlich hätte dieser Dokumentarfilm bereits im März 2020 in die Kinos kommen sollen. Dann kam Corona. Zu seinem neuen Starttermin im September passt nun ein anderer Dokumentarfilm, der wenige Wochen zuvor angelaufen ist: "Fragen Sie Dr. Ruth". Wie Ryan Whites Porträt der 1928 geborenen Sexualtherapeutin Ruth Westheimer erzählt auch Hens von einer (an Körpergröße) kleinen Frau, die sich nicht kleinkriegen lässt. Auch Hens' Porträt strotzt vor Lebensfreude und Widerstandsfähigkeit, vor Humor und Weisheit.

Für die jüngeren Generationen, die während Marthe Cohns Vorträgen gespannt an ihren Lippen hängen, hat Cohn einen simplen, aber treffenden Rat: "Engagiert euch und akzeptiert keine Befehle, Vorschriften und Ordnung, die ihr nicht mit eurem Gewissen vereinbaren könnt!"

Fazit: Nicola Hens' Dokumentarfilm nähert sich einer kecken Dame, die aufgrund ihrer Leistungen in ihrer Jugend im hohen Alter zu einer Art Medienstar der Erinnerungskultur wurde. "Chichinette" ist ein beeindruckendes Porträt einer beeindruckenden Frau. Mit ihrem Witz, ihrer Schlagfertigkeit und Intelligenz, vor allem aber mit ihrem Mut und moralischen Kompass sollte diese alte Frauen der jungen Generation ein Vorbild sein.




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