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Kritik: In the Heights (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Die Straßen waren aus Musik gemacht", schwärmt Usnavi, als er vier Kindern von seiner Vergangenheit in Washington Heights erzählt. Dann taucht der Film aus der Rahmenhandlung ab in seine Erinnerung. Es ist ein heißer Sommer in dem New Yorker Stadtviertel, in dem sich die Menschen, die überwiegend lateinamerikanischer Herkunft sind, im Vorbeigehen grüßen, Neuigkeiten austauschen, zusammen feiern. Weil es sich um einen Musicalfilm handelt, mündet die Kiezatmosphäre an jeder Ecke in Tanz und Gesang. Die überschäumende Lebensfreude entspricht der Haltung der Bewohner*innen, sich von diskriminierenden Erfahrungen und der Sehnsucht nach der alten kulturellen Heimat nicht herunterziehen zu lassen. Der Regisseur Jon M. Chu ("Crazy Rich") und die Drehbuchautorin Quiara Alegría Hudes verwendeten als Grundlage das gleichnamige Bühnenmusical von Lin-Manuel Miranda, für das Hudes bereits das Buch verfasst hatte.

Die Songs und Texte Mirandas pumpen Energie und Beseeltheit in die Handlung. Gesungen, getanzt wird nicht nur auf den Straßen, sondern sogar im Becken des Freibads. Lateinamerikanische Musik steht im Mittelpunkt. Zu den Gruppendarbietungen, zu denen sich junge Menschen spontan zusammenzufinden scheinen, kommen noch Duette und Songs für eine Person. Dann geht es um Zukunftspläne, geplatzte Träume, die Liebe. So singen einmal Benny und Nina malerisch im Gegenlicht auf einem Balkon mit Feuerleiter, von welchem man auf die imposante George-Washington-Brücke blickt. Die kleinen Läden der Bewohner*innen, ihre Zimmer und Küchen in den großen ziegelsteinfarbenen Wohnblocks bilden die Innenschauplätze. Reich ist hier niemand, doch die Gentrifizierung verändert bereits Gesicht und Charakter des Viertels.

Die Menschen hier vereint ein zwiespältiges Gefühl. Viele haben erlebt, wie ihre Eltern trotz harter Arbeit kaum über die Runden kamen und sich kein anderes Viertel leisten konnten. Der amerikanische Traum aber lebt in jedem von ihnen. Wer sich danach sehnt, fortzugehen, möchte trotzdem die Geborgenheit und kulturelle Gemeinschaft des Viertels nicht missen. Zwei Romanzen und ein mysteriöser Lottogewinn sorgen für Spannung, für das Gemüt ist aber auch Abuela Claudia (Olga Merediz) zuständig. Die alte Dame kubanischer Abstammung dient hier vielen als Mutterfigur und seelischer Anker. Mit diesem bunten Inhalt und der frischen Kraft seiner Musik- und Tanzeinlagen kann der Film trotz seiner Länge überzeugen.

Fazit: Unter der Regie von Jon M. Chu verströmt der Musicalfilm, welcher dem New Yorker Stadtviertel Washington Heights ein Denkmal setzt, pulsierende Lebensfreude. Die mehrheitlich lateinamerikanische Herkunft der Menschen im Viertel schlägt sich auch in den Klängen und Rhythmen nieder, welche die Atmosphäre energetisch aufladen. Die großen Pläne junger Leute, zwei Romanzen, soziale Diskriminierung und Gentrifizierung, die Feier einer herzlichen Gemeinschaft ergeben eine inhaltliche Mischung, in der sich gelebte Erfahrung mit der Kraft der Träume verbindet.




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