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Kritik: Schachnovelle (2021)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Zu den berühmtesten Werken Stefan Zweigs gehört die "Schachnovelle". Der österreichische Schriftsteller brachte in seinem Exil in Brasilien das fertige Manuskript einen Tag vor seinem Selbstmord im Jahr 1942 auf die Post. Zweig, der sein Heimatland bereits 1934 wegen des erstarkenden Antisemitismus und Nationalsozialismus verlassen hatte, schildert, wie ein Wiener alter Schule in den Würgegriff der Nazis gerät. Dieser Dr. B., der mit fantasierten Schachpartien die Isolationshaft übersteht, wird später auf einer Schiffsreise von der Vergangenheit eingeholt.

1960 wurde das Werk mit Curd Jürgens verfilmt, es gibt auch Bühnenversionen und selbst eine Oper. Der neue Film von Regisseur Philipp Stölzl ("Der Medicus") und Drehbuchautor Eldar Grigorian überrascht mit einer originellen Wendung. Das Schachspiel an sich verliert gegenüber dem Original eher an Bedeutung. Auch springt die Handlung zwischen Schiff und Rückblenden in die Zeit der Haft im Hotel Metropol hin und her. Ganz zu Anfang genießt Bartok noch sein unbeschwertes Leben in der Wiener Gesellschaft und macht seiner Frau Anna Komplimente: "Deine Schönheit ziert jedes Schmuckstück!". Dieser galante, charmante und sehr gebildete Mensch hat keinen Respekt vor dem zynischen Machtgehabe des Gestapo-Mannes Böhm. Das Psychoduell der beiden gegensätzlichen Charaktere wird von Oliver Masucci und Albrecht Schuch fesselnd gespielt.

Der Film aber gehört zu weiten Teilen Masuccis kraftvollem Spiel, denn Bartok ist nun einmal allein mit seiner inneren Not, sowohl im Hotelzimmer, als auch auf dem Schiff. Auch die visuelle Gestaltung wirkt prägnant, etwa mit den Kameraperspektiven, welche im Hotelzimmer die klaustrophobische Atmosphäre verdeutlichen. Wenn Bartoks Verstand ihm auf dem Schiff manchmal Streiche spielt, wird auch das Publikum in die Irre geführt. Ob die filmische Interpretation letztlich noch im Sinne Zweigs sein kann, darüber lässt sich wohl kontrovers diskutieren. Dass sich aber die Dramaturgie sehr früh auf die nervliche Belastung des Schiffspassagiers Bartok festlegt, hat ihren Preis. Denn sie schränkt so die Möglichkeiten des Charakters – und seines Schachspiels – ein, sich allmählich ins Herz eines überwunden geglaubten Ausnahmezustands hineinzuschrauben.

Fazit: Oliver Masucci spielt in dieser Verfilmung des gleichnamigen literarischen Werks von Stefan Zweig beeindruckend, wie ein Wiener Notar in den Fängen der Gestapo die Isolationsfolter mental zu überstehen versucht. Unter der Regie von Philipp Stölzl springt die Handlung von einer späteren Schiffsreise des Wieners immer wieder zurück in die Monate der Haft, wobei das Schachspiel zum verbindenden Element wird. Masucci und Albrecht Schuch überzeugen als Häftling und Gestapo-Mann in ihrem kammerspielartigen Duell und die visuelle Gestaltung drückt dem Film einen originellen Stempel auf. Dass sich diese Version aber recht kühn von der Buchvorlage löst, lädt geradezu zu kontroverser Diskussion ein.





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