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Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien
Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien
© Filmgalerie 451 © Weltkino Filmverleih

Kritik: Schlingensief - In das Schweigen hineinschreien (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Christoph Schlingensief galt als künstlerisches Wunderkind. Schon in seinen frühen 20ern unterrichtete er an der Düsseldorfer Kunstakademie, mit Mitte 20 war er bereits Aufnahmeleiter einer der erfolgreichsten deutschen Fernsehserien ("Lindenstraße") und erhielt diverse Förderpreise. Bekanntheit als Filmemacher erlangte er mit seiner aus den Filmen "100 Jahre Adolf Hitler", "Das deutsche Kettensägenmassaker" und "Terror 2000" bestehenden "Deutschlandtrilogie". Später kamen Opern-Inszenierungen ("Hamlet", "Parsifal", "Mea Culpa") hinzu. Für mediales Aufsehen und öffentlichkeitswirksame Skandale sorgte Schlingensief vor allem in den 90er-Jahren mit seiner Protest- und Aktionskunst.

Diese (vor allem als rare Archivaufnahmen vorhandenen) Bilder der politischen Aktionen Schlingensiefs sind ein ganz zentrales Element des Films. Man sieht den Aktivisten, Autor studierten Kunstgeschichtler und Philosophen 1998, wie er mit seiner Partei "Chance 2000" in den deutschen Bundestagswahlkampf zog. Ein Jahr zuvor hatte er zur Ermordung des damaligen Kanzlers Helmut Kohls aufgerufen. Im Jahr 20000 stellte er in Wien einen Container mit Asylbewerbern auf. Die TV-Zuschauer zu Hause konnten durch Wählen bestimmen, wer den Container verlassen musste – und damit das Land. Big-Brother-Reality-TV lässt grüßen.

All diese, sehr temporeich aneinandergereihten Aufnahmen verdeutlichen eindrucksvoll Schlingensiefs Kunst- und Selbstverständnis: Mit Satire, Übertreibung, reißerischer Persiflage sowie Brachialsatire der Gesellschaft (und vor allem dem Spießbürgertum) den Spiegel vorzuhalten. Hinzu kommen essentielle Ausschnitte aus einigen der wichtigsten Filme Schlingensiefs, Szenen seiner Opern-Aufführungen, Talkshow-Auftritte und tolles, bislang nicht gezeigtes Behind-the-Scenes-Material, das Schlingensief unter anderem bei Proben und hinter der Kamera als stets getriebenen, nach Perfektion strebenden Künstler zeigt.

Fazit: Regisseurin Bettina Böhler lässt in ihrem beeindruckend montierten Film die Bilder und Kunst des großen Exzentrikers Christoph Schlingensief für sich sprechen.




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