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Kritik: Paris Calligrammes (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ähnlich wie in einem Kalligramm oder Figurengedicht, das Texte in eine bildhafte Form bringt, erinnert sich die Filmemacherin und bildende Künstlerin Ulrike Ottinger an ihre Jahre in Paris. Aus einem Abstand von 50 Jahren blickt sie in ihrer Voice-Over-Erzählung zurück, verknüpft private Anekdoten und lebendig gebliebene Eindrücke mit den großen Themen, die in den 1960er Jahren die Gespräche der Pariser Intellektuellen und Künstler beherrschten. Mit reichhaltigem Archivmaterial und neuen Aufnahmen bebildert, verweben Ottingers Erinnerungen die individuelle und die gesellschaftliche Ebene sehr anregend.

Die filmische Hommage an Paris ist in zehn Kapitel und einen Epilog unterteilt. Der intellektuelle Austausch in den 1960ern bekommt Orte zugewiesen, Cafés in Saint-Germain-des-Près, wo man hinging, um zu schreiben und ganze Nachmittage zu verbringen. In Archivaufnahmen sieht man das Leben in den Straßen, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir gehen vorbei. Ottinger präsentiert auch ehrfürchtig ein Gästebuch, das in Fritz Picards Buchhandlung "Calligrammes" auslag und das ihr nach langem vergeblichem Suchen erst kurz vor den Dreharbeiten in die Hände fiel. Max Ernst, Marino Marini, Annette Kolb, Paul Celan, Walter Mehring und viele andere haben sich darin verewigt mit Namen, manche haben ein paar Worte oder auch eine Zeichnung beigefügt.

Ottinger erinnert sich an den Blick aus dem Fenster einer ihrer Wohnungen, sogar an die verschiedenen Geräusche in den Straßen, die ihr täglich zuverlässig die Uhrzeit verrieten. Auch Eindrücke aus dem heutigen Paris streut sie zum Vergleich ein, etwa "das weltumspannende Ritual des Selfies" betreffend - Touristen, die sich vor dem Eiffelturm fotografieren. Oder sie beobachtet, wie sich Immigrantinnen afrikanischer Abstammung in einem Friseursalon die Haare kunstvoll flechten lassen.

Die Filmemacherin fügt auch Beispiele aus ihrem eigenen künstlerischen Schaffen ein, das von den in Paris gewonnenen Eindrücken inspiriert wurde. Wie ein Füllhorn ergießt sich das gesammelte, erinnerte Material über die Kinoleinwand. Die Stadt von damals präsentiert sich als ein Geflecht sinnlicher, geistiger Reize und Herausforderungen, erwacht zum Leben. Dieses außergewöhnliche Zeitdokument ist ein schönes Geschenk an das Filmpublikum und nachfolgende Generationen.

Fazit: Zwischen 1962 und 1969 lebte die junge deutsche Künstlerin Ulrike Ottinger in Paris. 50 Jahre später blickt Ottinger in ihrem Dokumentarfilm auf die bewegte Zeit zurück und die Begegnungen, die ihr Weltbild und ihre künstlerische Entwicklung beeinflussten. Ihre lebhafte Erzählung wechselt zwischen persönlichen Erkundungen und den beherrschenden Themen der Epoche, wie Algerienkrieg oder Studentenrevolte. Bebildert mit reichhaltigem Archivmaterial, aber auch heutigen Straßenszenen ist ein faszinierendes Stadtporträt entstanden, das wie in einem Album kostbare Momente, inspirierende Orte und aufwühlende Ereignisse vor dem Vergessen bewahrt.




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