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Kritik: Wir beide (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Nach mehreren Kurzfilmen gibt Filippo Meneghetti mit "Wir beide" sein Langfilmdebüt. Das Drama des italienischen Regisseurs und Co-Autors spielt in Frankreich, feierte seine Premiere in Kanada beim Toronto International Film Festival und wurde während seiner Festivaltour unter anderem in Dublin und Belgrad ausgezeichnet. Die Geschichte über ein altes Paar, das seine Beziehung geheim hält, ist ein mitreißendes Drama, das mit seiner Form und den Genregrenzen spielt.

Meneghetti und seine Co-Autorin Malysone Bovorasmy haben ihr Drama um die einander gegenüberliegenden Wohnungen ihrer beiden Hauptfiguren gebaut. Nur ein kurzer Flur trennt die Leben von Mado (Martine Chevallier) und Nina (Barbara Sukowa). Nach einem unerwarteten Schicksalsschlag – Mado erleidet einen Schlaganfall – werden diese wenigen Meter plötzlich unendlich lang. Nina kann nicht mehr mit Mado kommunizieren. Mados Kinder kennen Nina nur als Nachbarin. Die Türen, die stets offenstanden, sind verschlossen. Doch Nina gibt nicht auf. Ein bewegender Kampf voller Metaphern und Symmetrie beginnt.

Ähnlich symmetrisch wie der Handlungsort ist die Handlung selbst angelegt. (Alb)-traumhafte Einschübe, die das Geschehen visionär vorwegnehmen, strukturieren die Geschichte. Ein inniges Tänzchen der zwei Frauen bildet die erzählerische Klammer. Dessen Bedeutung verschiebt sich im Handlungsverlauf. Seine Wirkung bleibt dieselbe. Wenn Nina und Mado tanzen, vergessen sie die Welt um sich herum.

Martine Chevallier und Barbara Sukowa spielen das ganz wundervoll. Aber auch Léa Drucker als Mados Tochter Anne und Muriel Bénazéraf als Mados Pflegerin Muriel hinterlassen einen starken Eindruck. Das Drehbuch-Duo hat alle Figuren ambigue angelegt. Jede hat gute und schlechte Seiten und bleibt stets glaubwürdig, egal wie drastisch sich ihr Handeln auch entwickelt.

"Von Anfang an wollte ich diese Liebesgeschichte wie eine Art Thriller drehen", hat Meneghetti in einem Interview über sein Debüt gesagt. Neben vielen Blicken durch Türspione und Ninas zunehmend manipulierender Art äußert sich das vor allem in der auffälligen Verwendung der Tonspur. Dann klingt ein Föhn beim Friseur wie ein startendes Flugzeug oder eine Waschmaschine schleudert immer lauter, wenn Mado der Kopf schwirrt. Die Gefühle, sie sind in diesem Film nicht nur in den Blicken und Gesten der Hauptdarstellerinnen zu finden, sondern ringsherum.

Fazit: Filippo Meneghetti Langfilmdebüt ist eine mitreißende Liebesgeschichte über zwei alte Frauen, die nicht länger im Verborgenen leben möchten. Dieses Drama ist mit viel Stilwillen inszeniert und wundervoll gespielt.




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