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Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution
Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution
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Kritik: Die Misswahl - Der Beginn einer Revolution (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Ausgerechnet die Wahl zur Miss World des Jahres 1970 in London verhalf der Frauenbewegung zum Durchbruch. Millionen Fernsehzuschauer bekamen live mit, wie Aktivistinnen des Women‘s Liberation Movement das Event aufmischten, indem sie von ihren Sitzen im Saal aufsprangen, Transparente ausrollten, Mehlbeutel warfen. Der Spielfilm der britischen Regisseurin Philippa Lowthorpe basiert auf wahren Ereignissen. Am Ende erscheinen vier reale Protagonistinnen von damals im Bild: die Frauenrechtlerinnen Sally Alexander und Jo Robinson, die Wettbewerbsteilnehmerinnen Jennifer Hosten und Pearl Jansen.

Indem der Film die Geschichte von Sally und Jo parallel zu derjenigen von Jennifer und Pearl erzählt, erinnert er daran, dass in den 1970er Jahren die Werteordnung von verschiedenen Seiten angegriffen wurde. Außer der Frauenbewegung rückte auch das Thema der Bürgerrechte, des Rassismus und der sozialen Ungleichheit auf der Welt in den Fokus. In einer Schlüsselszene treffen Sally und die frisch gekürte Miss World aufeinander. Jennifer Hosten macht Sally klar, dass Benachteiligung nicht nur eine Frage des Geschlechts, sondern auch der Herkunft und Hautfarbe ist. In mancher Hinsicht wirkt der Film ziemlich aktuell. So auch, wenn es um die sexistischen Sprüche des "Miss-World"-Moderators Bob Hope (Greg Kinnear) geht. Denn sie machen einem wieder einmal bewusst, dass solch ein übergriffiger Männerhumor bis vor kurzem, bis zur #MeToo-Bewegung, noch gang und gäbe war.

Die Frauencharaktere sorgen in ihrer Verschiedenheit für Spannung. Keira Knightley spielt die Studentin Sally, die sich auch persönlich, in der Familie und an der Uni, emanzipiert, als ernste und unabhängige Denkerin. Jessie Buckley stellt Jo als hitzköpfigere, rebellischere Frau dar. Gugu Mbatha-Raw lässt die Schönheitskönigin Jennifer strahlen, das Event eher still genießen und auch nachdenklich betrachten.

Aber obwohl der Film eigentlich vieles richtig macht, fehlt ihm das Feuer. Die knisternde, aufgeheizte Atmosphäre der Ära, die dynamische Aufbruchstimmung springt emotional nicht wirklich auf das Publikum über. Diverse Figuren wie die Veranstalter der Show oder Dolores Hope (Lesley Manville) als frustrierte Ehefrau eines Schürzenjägers beanspruchen zu viel Aufmerksamkeit, die vom zentralen Thema ablenkt. Alles in allem aber ist diese feministische filmische Geschichtsstunde dennoch sehenswert.

Fazit: Der Spielfilm, den die Britin Philippa Lowthorpe inszeniert hat, entführt sein Publikum in das bewegte Jahr 1970. Er erzählt nahe an den wahren Begebenheiten, wie Aktivistinnen der Frauenbewegung das Medienereignis des Miss-World-Wettbewerbs für ein paar Minuten zu ihrem eigenen machten. Keira Knightley, Jessie Buckley und Gugu Mbatha-Raw überzeugen als zentrale, sehr unterschiedliche Charaktere in einer Handlung, die ein wenig das Feuer vermissen lässt. Die sexistischen Sprüche, denen die Frauen ausgesetzt sind, lassen die Geschichte erstaunlich aktuell wirken.





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