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Wer wir sind und wer wir waren
Wer wir sind und wer wir waren
© Tobis Film

Kritik: Wer wir sind und wer wir waren (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Es ist eine Geschichte, die in zahllosen Ehen passiert. Der Nachwuchs ist aus dem Haus, man lebt mehr vor sich hin als miteinander. Die Frau möchte, dass er sich zu seinen Gefühlen für sie bekennt, er aber setzt urplötzlich einen Schlussstrich. Weil er eine andere hat. Was bleibt ihr nun, zumal sie keinem Beruf nachgeht, auch in immaterieller Hinsicht an Werten und Sicherheiten im Leben? Dieses englische Drama des 1948 geborenen Regisseurs und Drehbuchautors William Nicholson beobachtet sehr differenziert und einfühlsam, wie die verlassene Frau, der untreue Mann und der erwachsene Sohn das Auseinanderbrechen der Familie erleben. Als Inspiration diente ihm die Erinnerung an die Trennung seiner eigenen Eltern.

Jamie spielt in diesem klugen Drama eine wichtige Rolle. Indem sie ihm ihr Herz ausschütten, werden Grace und Edward, die ja so gut wie gar nicht mehr miteinander sprechen, in ihrem inneren Ringen für das Publikum sichtbar. Dabei vermeidet der Film Schuldzuweisungen. Jamie muss die Wut seiner Mutter auffangen, der nicht in den Kopf will, dass sie Edwards Anhänglichkeit falsch eingeschätzt hat. Er leidet mit ihr, die zeitweise arg verwahrlost in ihrem Warten, dass Edward wieder zur Tür hereinkommt. Und Jamie hat selbst Fragen an den Vater, den er zum Teil auch verstehen lernt. Hat es in dieser Ehe denn nie Glück gegeben und wenn nicht, warum ist Edward dennoch geblieben? Jamie, der selbst zur Verschlossenheit neigt und Probleme hat, eine Partnerin zu finden, erkennt allmählich Ursachen für sein Verhalten, die ihm bislang verborgen waren.

Der Film entwickelt im Hin und Her zwischen Grace, Edward und Jamie eine spannende Dynamik, die immer wieder neue Facetten und Entwicklungen offenbart. Dabei wird feinstes Schauspielkino geboten. Annette Bening spielt eine sehr starke, lebendige Frau, die allerdings ihren Wunsch nach Zusammenhalt zum Maß aller Dinge gemacht hat. Damit hat sie eine diametral entgegensetzte Antwort auf die tendenzielle Leere in ihrer Ehe gefunden als Edward.

Bill Nighy spielt Edward ungemein realistisch in seiner Müdigkeit und dem beinahe fiebrigen Wunsch, dem Leben doch noch ein neues Glück abzugewinnen. Dafür ist er sogar bereit, Grace weh zu tun, er hat ihr einfach nichts mehr zu geben. Josh O‘Connor beeindruckt in der Rolle des Sohnes, der aus irgendwie kindlicher Ratlosigkeit zur Stütze seiner Mutter und zum Gesprächspartner beider Eltern erwächst.

Fazit: Der britische Regisseur und Drehbuchautor William Nicholson interessiert sich in diesem ungemein erwachsenen, differenzierten Trennungsdrama nicht für Schuldzuweisungen und Parteinahme, sondern will die Unvereinbarkeit der Standpunkte ausloten. Das gelingt ihm hervorragend, indem er den nicht mehr bei den Eltern lebenden Sohn zwischen diesen vermitteln und seiner Mutter beistehen lässt. Annette Bening, Bill Nighy und Josh O‘Connor als Sohn bieten bewegendes Schauspielkino, das sich realitätsnah und einfühlsam mit tiefsitzenden Irrtümern im Beziehungsleben auseinandersetzt.




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