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Enfant Terrible
Enfant Terrible
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Enfant Terrible (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

"Enfant Terrible" sollte eigentlich auf dem diesjährigen Filmfest in Cannes Premiere feiern, das Festival konnte aufgrund der Corona-Pandemie jedoch nicht in gewohnter Weise stattfinden. Stattdessen eröffnete die Biographie Ende September das 28. Filmfestival Hamburg. Inszeniert wurde das auf dem Leben des großen Filmschaffenden Fassbinder beruhende Biopic von Oskar Roehler. Für den aus Starnberg stammenden Regisseur und Autor ist es die erste Projekt seit der Tragikomödie "Herrliche Zeiten" (2018). Roehler wurde im Jahr 2000 durch sein gefeiertes Werk "Die Unberührbare" mit Hannelore Elsner bekannt.

"Enfant terrible" schildert Fassbinder auf sehr authentische und nachdrückliche Weise als genau den Mann, der er war: eine innerlich zutiefst getriebene ("Ich habe doch keine Zeit"), nach Perfektion strebende und vor Lebensenergie übersprudelnde Person, die sich letztlich zu Tode arbeitete (Fassbinder drehte in gerade einmal 13 Jahren rund 40 Filme und einen epischen TV-Mehrteiler). Kaum einen besseren Darsteller als Oliver Masucci hätte Roehler, der schon öfter mit seinem Hauptdarsteller zusammenarbeitete, finden können.

Masucci verleiht seiner Figur Ausdruck und Charisma, verkörpert mit gesengtem Kopf, Buckel, ungewaschenem Haar und Plauze aber ebenso glaubhaft den Fassbinder der späteren Jahre – gezeichnet von Überarbeitung, aufreibenden (persönlichen wie privaten) Beziehungen und Affären sowie dem Antrieb, etwas Bleibendes zu schaffen. Das große filmische Meisterwerk. Diese gelangen Fassbinder zuhauf und "Enfant Terrible" blickt hinter die Kulissen der Entstehung einiger seiner zentralen Arbeiten.

Apropos Kulisse: Roehler entscheidet sich für ein ganz und gar reduziertes, bewusst künstlich und nur angedeutet gehaltenes Set-Design und zum Teil nur aufgemalte Kulissen, Requisiten sowie Gebäudeelemente. Diese Herangehensweise bricht durchaus mit gängigen Sehgewohnheiten und erinnert an die Kreativität sowie das Unperfekte von Theater und Improvisation, entspricht damit aber auch sehr genau und treffend den Grundpfeilern von Fassbinders Arbeit und dem Kern seiner Sichtweise von Kunst als körperliche, ganz unmittelbare Ausdrucksform. Schauspiel als leidenschaftliche, intensive und unverstellte Darbietung menschlicher Emotionen.

Auch die übrigen Darsteller schlüpfen darüber hinaus glaubwürdig und unter großem spielerischem Einsatz in ihre Rollen. Sie spielen all jene zentralen Menschen aus Fassbinders engstem Umfeld, die sich über viele Jahre mit dem Meisterregisseur umgaben, ihm verfielen, ihn liebten, hassten aber genauso von ihm profitierten. Darunter Desiree Nick als "bayerische Brigitte Bardot" Barbara Valentin, Hary Prinz als Kurt Raab oder Jochen Schropp als Armin Meier, Fassbinders Ex-Partner, der sich Ende der 70er aufgrund der durch Fassbinder beendeten Beziehung mit einer Überdosis Schlafmittel umbrachte.

Fazit: Ambitioniertes, herausragend gespieltes und unaufdringlich gefilmtes Biopic über den unermüdlichsten, produktivsten aller deutschen Filmemacher.




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