VG-Wort

oder

Kritik: Corpus Christi (2019)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Hochstapeleien im Habit sind in der Filmgeschichte keine Seltenheit. Wie die Uniform in der Köpenickiade verleiht auch das klerikale Gewand seinen Trägern unverhofften Respekt. Häufig stecken Verbrecher oder Menschen, die vor Verbrechern auf der Flucht sind, unter der Soutane, der Mönchskutte oder dem Nonnenschleier – mitunter gar mit vertauschten Geschlechtern. Komödien wie "Wir sind keine Engel" (1989), "Sister Act" (1992) oder "Nonnen auf der Flucht" (1990) lassen grüßen.

Jan Komasa ist sich des komödiantischen Potenzials eines solchen Rollentauschs durchaus bewusst. In einem Interview hat er darüber gesprochen. Der dritte Spielfilm des 1981 geborenen Regisseurs hat durchaus komische Momente. "Corpus Christi" ist jedoch ein Drama. Die kleinen Szenen und Augenblicke fungieren denn auch als comic relief, als kurzer Ausbruch aus einer in Trauer erstarrten Welt. Wie schwer sich der Schleier der Tragödie über den Handlungsort gelegt hat, verdeutlichen bereits die Bilder.

Komasa entführt sein Publikum in zwei bleierne Gemeinschaften: in eine reine Männergesellschaft in einer Jugendstrafanstalt und in ein Dorf mit nicht minder rigorosen Regeln. Kameramann Piotr Sobocinski Jr. setzt beide Welten in dezenten, dunklen Farben in Szene. Seine Räume sind lichtdurchflutet, ganz so, als übertrage sich das diesige Wetter von draußen nach drinnen. Vereinzelte Farbakzente besitzen stets eine Bedeutung. Geht ein Schuppen in Flammen auf, dann brennt es auch im Protagonisten lichterloh.

Die Geschichte des 20-jährigen Daniel (Bartosz Bielenia), der sich als Priester ausgibt und eine kleine Gemeinde täuscht, basiert auf einer wahren Begebenheit. Drehbuchautor Mateusz Pacewicz hat Daniels kriminelle Vergangenheit und die Tragödie, die das Dorfleben lähmt, allerdings dazu gedichtet. Sie bilden den Treibstoff, der die Handlung zündet und bis zum Schluss am Laufen hält. Bartosz Bielenia gibt dabei richtig Gas. Er spielt Daniel zurückhaltend und verschlossen, dabei aber mit solch einer Wucht, dass es niemanden im Publikum kaltlässt.

In ihrer Trauer erstarrt, wird den Dorfbewohnern ihre geistige und moralische Unbeweglichkeit zum Gefängnis. Die rückständigen Vorstellungen von Sünde und Sühne gleichen dem Gesetz des Stärkeren, das in der Jugendstrafanstalt immer dann zur Anwendung kommt, wenn die Verantwortlichen nicht hinsehen. Ironischerweise ist es gerade das während der Haft erlernte Anti-Aggressions-Training, das Daniel im Priestergewand bei der Trauerarbeit hilft.

"Corpus Christi" ist ein kluger Film über Menschlichkeit, Ehrlichkeit und Scheinheiligkeit. Er erkundet, ob ein guter Christ zwangsläufig auch ein guter Mensch ist oder ob die Menschen im festen Glauben, gute Christen zu sein, nicht zu schlechten Menschen werden. Es geht aber nicht nur um den Glauben und die (katholische) Kirche. Unter all dem steckt auch eine Geschichte über Gier und Macht, vor allem aber eine über Wahrheit, Lüge und Selbstlüge. Manchmal braucht es einen Lügner wie Daniel, um die Wahrheit auszusprechen.

Fazit: "Corpus Christi" war Polens Beitrag für die Oscarverleihung 2020. Zwar zog der Film gegen "Parasite" den Kürzeren, ist aber ebenso sehenswert. Regisseur Jan Komasa legt ein fabelhaft gespieltes und visuell wohldurchdachtes Drama über Wahrheit, Lüge und Selbstlüge vor. Der Kinobesuch lohnt sich auch für Menschen, die mit der Kirche nichts am Hut haben.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.