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Kritik: Futur Drei (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Regisseur Faraz Shariat erzählt in seinem Spielfilmdebüt eine autobiografisch gefärbte Geschichte. Darin setzt sich der in Deutschland beheimatete Sohn iranischer Einwanderer mit der eigenen kulturellen Identität auseinander. Zugleich blickt er über den eigenen Tellerrand hinaus auf die Situation von Geflüchteten, die versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. Sein filmisches Alter Ego Parvis lernt im Asylbewerberheim ein iranisches Geschwisterpaar kennen. Beflügelt von ihrer Freundschaft und der gleichgeschlechtlichen Liebe zwischen Parvis und Amon kosten die jungen Menschen das Gefühl aus, dass ihnen die Zukunft offensteht. Trotz widriger Umstände und zum Teil buchstäblicher gesellschaftlicher Ausgrenzung kommen sie innerlich bei sich an.

Der Film, der seine Premiere in der Panorama-Reihe der Berlinale 2020 feierte, wird vom Regisseur selbst als "aktivistisches Popcorn-Kino" bezeichnet. Darin geht es um den Ausdruck eines jungen und damit oft unbeschwerten Lebensgefühls, kombiniert mit dem Anspruch, aus migrantischer und postmigrantischer Perspektive zu erzählen. Der Film setzt auf eine originelle Mischung aus Realitätsnähe und traumähnlichen subjektiven Eindrücken der Charaktere.

Die Wirklichkeitsnähe geht sogar so weit, dass Shariat von seinem Vater gedrehte Homevideos einbaut. Darin ist er als kleiner Junge zu sehen, der singt und tanzt. Außerdem spielen seine Eltern die Eltern der Hauptfigur Parvis. Die Selbstfindung Parvis‘ ist mit der Frage verbunden, inwiefern er sich der deutschen Gesellschaft zugehörig fühlt. Parvis hört, wenn er Männer datet, oft die Frage, woher er komme. Er hat es satt, als Ausländer wahrgenommen zu werden. Mit seinen neuen Freunden Amon und Banafshe erlebt er das Gefühl, als ganzer, individueller Mensch akzeptiert zu sein.

Wenn die Drei ausgelassen durch die Straßen ziehen, wachsen ihren Träumen Flügel. Kamera und Schnitt erkunden subjektive Welten im Spiel der Farben, des Lichts, der halb oder ganz fantasierten Posen, die die Realität aus den Angeln heben. Dazu gehört neben Popmusik auch eine Geräuschkulisse, in der sich abgespeicherte Eindrücke bemerkbar machen. Parvis, Amon und Banafshe sprengen gemeinsam die Macht der vorgefertigten Sichtweisen und nehmen Einfluss auf die Wirklichkeit.

Fazit: Das Spielfilmdebüt des deutschen Regisseurs Faraz Shariat führt inspiriert und leichtfüßig vor, dass Diversität vor und hinter der Kamera dem Kino neue Welten erschließt. In der autobiografisch gefärbten Geschichte setzt sich ein junger Mann mit seiner postmigrantischen und queeren Identität auseinander. In der Beziehung zu einem iranischen Geschwisterpaar, das in Deutschland Asyl sucht, bekommt der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Barrieren und dem Wunsch nach Selbstbestimmung eine neue Dimension. Mit seiner Mischung aus Realitätsnähe und traumähnlichen Eindrücken bildet der Film kraftvoll das Lebensgefühl junger Menschen ab, deren Stimme noch zu selten gehört wird.




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