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Kritik: Der Rausch (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg sicherte sich für seinen zwölften Spielfilm zum wiederholten Mal die Dienste von Mads Mikkelsen (gemeinsam drehten die Zwei den Publikums- und Kritikerliebling "Die Jagd") sowie von Thomas Bo Larsen. Larsen wurde von Vinterberg bislang in drei seiner Filme eingesetzt, darunter "Ein Mann kommt nach Hause" (2007) und "Das Fest" (1998). Vinterberg und sein Team drehten den auf dem Toronto-Filmfest im Herbst 2020 uraufgeführten "Der Rausch" in Kopenhagen und der dänischen Kommune Gentofte.

Der Psychiater und Philosoph Skårderud behauptete vor etwa zwei Dekaden, dass wir Menschen mit 0,5 Promille zu wenig auf die Welt kommen – und uns genau dieser Wert ausgeglichener und gelassener machen würde. Diese, zugegebenermaßen gewagte, These macht Vinterberg zur Prämisse seiner durch und durch schwarzhumorigen, bitterbösen Tragikomödie, in der er die guten wie schlechten Seiten und Auswirkungen der "Volksdroge" Alkohol beleuchtet. Doch in der ersten Hälfte dominieren zunächst einmal die mit dem Experiment der vier desillusionierten, verbitterten Charaktere einhergehenden positiven Effekte.

Denn die Figuren erleben plötzlich eine ganz neue Lebensqualität. Eine lebensbejahende, neue Leichtigkeit und allerbeste Stimmung stellen sich ein, durch die die altbekannten Sorgen und Nöte des Alltags verdrängt werden. Ob in der Schule, im Umgang mit den Mitmenschen und Nachbarn, beim Sport oder im Bett mit der Ehefrau: Durch den Alkohol blühen die zuvor von ihrem ereignislosen Leben gelangweilten Männer auf und genießen die enthemmende, aufmunternde Wirkung der alkoholischen Getränke jeglicher Art.

Doch sobald der "harte Stoff" Einzug hält und die Männer immer weiter gehen, ändert "Der Rausch" seine Tonalität. Und der Film konzentriert sich in der Folge schonungslos und wahrhaftig auf die negativen Folgen von Cocktails, Spirituosen, Whiskey und Co. Allerdings stets gewürzt mit einer Prise (Selbst-)Ironie und Galgenhumor. Und Tragikomik. Wenn totgeschwiegener Frust und verdrängte Ängste, die man viel zu lange in sich hineingefressen hat, ebenso an die Oberfläche gelangen wie unverarbeitete Krisen, dann erweist sich der Alkohol als Katalysator. Und verstärkt die Probleme anstatt sie zu lösen.

Wendungsreich und raffiniert manövriert Vinterberg seinen großartigen Cast durch dieses unalltägliche und betont schlicht gefilmte Werk. Eine Produktion, die auch vor der großen Tragik nicht Halt macht (einer der Protagonisten wird alkoholkrank). Auf schauspielerischer Ebene stechen Mads Mikkelsen und Lars Ranthe besonders hervor. Sie spielen physisch einnehmend auf und verleihen ihren ambivalenten Charakteren Kraft und Tiefgründigkeit.

Fazit: Abwechslungsreiche, packend gespielte und reflektierte Tragikomödie, die ein direktes und unverfälschtes Bild von den guten wie schlechten Eigenschaften der Droge Alkohol vermittelt.




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