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Sohn der weissen Stute
Sohn der weissen Stute
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: Sohn der weissen Stute (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Nach seiner 2019 erfolgten digitalen Restauration kommt nun ein ungarischer Animationsfilm in Deutschland heraus, der als farbenprächtiges Kunstwerk den Rang eines zeitlosen Klassikers beanspruchen kann. Es handelt sich um den zweiten Langfilm von Marcell Jankovics, der bereits 1981 erschien und alsbald wegen seines unvergleichlichen, märchenhaften Bilderrausches international für Furore sorgte. Er taucht in die ungarische Sagenwelt ein und legt ihre uralten Wurzeln frei. Eine Textzeile am Anfang dieses filmischen Heldenepos erwähnt, dass es der Erinnerung an Skythen, Awaren und andere Völker gewidmet ist. Die ungarischen Steppen waren in frühen Jahrhunderten lange von Reiternomaden, die aus dem Osten kamen, bewohnt.

Im Grunde erzählt der Film ein Märchen, das in vielerlei Hinsicht den Schöpfungsmythen von Naturvölkern ähnelt. Ein Pferd ist die Mutter des Helden in Menschengestalt und schenkt ihm seine außergewöhnliche Kraft. Aufgrund seiner Stärke, mit der er Bäume ausreißen kann, und wegen seines lodernden blonden Haars könnte der Jüngling, der die Menschheit aus der Gewalt der Drachen befreien soll, sowohl eine Herkulesfigur, als auch ein Sohn der Sonne sein. Er lässt ebenfalls an Siegfried und die Nibelungensage denken. Mit der von Kämpfen geprägten Handlung bietet der Animationsfilm keine harmlose Unterhaltung für Kinder. Er richtet sich eher an ein Publikum, das sich von archaischer Märchenfantasie bezaubern lässt, weil es sich für Volkskunde interessiert, oder Filmkunst genießen will - oder beides.

Und Kunstgenuss wird hier im Sekundentakt geboten. Oft drängt sich der Vergleich mit dem Formen- und Verwandlungsreichtum eines Kaleidoskops auf. Die gezeichneten Figuren und Objekte verändern ihr Aussehen, gehen in etwas anderes über. Es gibt fließende Verbindungen zwischen Himmel und Erde, Mandalas mit rotierenden Mustern erscheinen. Die Geburt des Stutensohnes wird als ein gewaltiges Ereignis geschildert, bei dem Farben, Perspektiven und Räume in einer sinnlichen Fantasie förmlich explodieren. Mit psychedelischer Dynamik wird eine Erfahrungswelt geöffnet, die sonst Träumen vorbehalten ist. Die Stimmen und der Klang der Musik scheinen oft aus einer jenseitigen Sphäre zu kommen. Der Künstler hat sich offenbar nicht nur von altem Kulturgut inspirieren lassen, sondern auch von der entfesselten Kreativität der Flower-Power-Ära.

Fazit: Dieses aus dem Jahr 1981 stammende, digital restaurierte Meisterwerk der Animation zieht das Publikum in einen prächtigen Rausch der Bilder hinein. Der Regisseur und Animator Marcell Jankovics legt mit einem archaischen Heldenmärchen das Erbe nomadischer Reitervölker in der volkstümlichen Kultur Ungarns frei. Die Handlung, in der ein starker Jüngling, den eine Stute geboren hat, in den Kampf gegen Drachen zieht, mutet wie ein intensives Traumerlebnis an. Die sich ständig verändernden Formen und Farben betonen die Verbundenheit von Himmel und Erde, Mensch und Natur und bieten außergewöhnlichen Kunstgenuss.




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