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Dreiviertelblut - Weltraumtouristen
Dreiviertelblut - Weltraumtouristen
© 24 Bilder © Südkino Filmproduktion

Kritik: Dreiviertelblut - Weltraumtouristen (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Mit der Heimat kennt sich Marcus H. Rosenmüller aus. Seit seinem Durchbruch mit seinem Langfilmdebüt "Wer früher stirbt, ist länger tot" (2006) hat sich der 1973 geborene Oberbayer zum Aushängeschild des neuen deutschen Heimatfilms entwickelt. Seine Filme feiern ihre regionale Herkunft, ohne sie zu verherrlichen. Da war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis Rosenmüller einen Film über die oberbayerische Band Dreiviertelblut macht, die ihre Musik als "folklorefreie Volksmusik" bezeichnet.

Die Verbindung zu dieser 2012 gegründeten Gruppe ist auch beruflich gegeben. Dreiviertelblut-Mitglied Gerd Baumann ist als Komponist tätig und hat zu fast allen Filmen Rosenmüllers die Musik beigesteuert. Als Co-Regisseur hat sich Rosenmüller einen weiteren alten Bekannten mit ins Boot geholt. Johannes Kaltenhauser und Rosenmüller kennen sich schon seit der Filmhochschule. Danach hat Kaltenhauser, hauptberuflich Kameramann, Rosenmüllers Musikdoku "Hubert von Goisern – Brenna tuat's schon lang" (2015) in passende Bilder gepackt. Neben der Co-Regie hat er auch dieses Mal die Kamera übernommen.

Bei ihrer jüngsten Zusammenarbeit hat sich das Regie-Gespann für Schwarz-Weiß entschieden, was ihrem Dokumentarfilm von vornherein einen künstlerischen Anstrich gibt. Der erste Eindruck täuscht nicht. Wenn Dreiviertelblut-Sänger Sebastian Horn gleich zu Beginn in einer schneebedeckten Landschaft scheinbar aus dem Nichts kommend eine Leiter emporsteigt, dann ahnt das Kinopublikum, dass es hier keine Standard-Musikdoku erwarten darf.

Wenig später sitzen Horn und Baumann in einer verfallenen Hütte im Wald – Horn im Wintermantel, Baumann im Astronautenanzug – und machen sich Gedanken über die Bedeutung des Menschen im Angesicht des Alls. Winzig kleine, unbedeutende Wesen, die durch den Weltraum rasen. Ein Wunder, dass nicht jeder angesichts dieser Erkenntnis verrückt wird. Auch danach geht es philosophisch, kreativ und stets außergewöhnlich weiter.

Während die meisten Dokumentarfilme über Musiker eine Zweiteilung bieten – auf der einen Seite ein chronologisches Abschreiten der Biografie, auf der anderen das Begleiten einer Konzerttournee oder die Aufnahme eines neuen Albums – bietet Rosenmüllers und Kaltenhausers Film nur eines davon. Auch ihnen dienen die Songs der Gruppe, wunderbar mit großem Orchester vorgetragen, als strukturierendes Element. Am Nacherzählen von Lebensläufen haben sie hingegen keinerlei Interesse. Dass Horn beispielsweise auch der Frontmann der Band Bananafishbones ist, erfahren alle, die ihn bislang nicht kannten, beiläufig in einem Nebensatz. Wer einmal nicht genau hinhört, bekommt es nicht mit.

Stattdessen interessiert sich das Regie-Duo dafür, was das Musiker-Duo an- und umtreibt, wie ihre Musik entsteht und wovon sie handelt, wofür sie stehen, wie sie zum und wie sie im Leben stehen. In dieser Konzentration auf das Wesentliche kommt der Film seinen Protagonisten erstaunlich nahe; viel näher als viele vergleichbare Dokumentationen. Man muss weder Volksmusik mögen noch die Ansichten der Musiker teilen, um etwas fürs Leben aus diesem Film mitzunehmen.

Fazit: Heimatfilmer Marcus H. Rosenmüller und sein Co-Regisseur und Kameramann Johannes Kaltenhauser haben einen Dokumentarfilm über die Heimatmusiker der Band Dreiviertelblut gedreht. Herausgekommen ist ein ebenso kunstvoll inszeniertes wie spannendes Künstlerporträt, das sich mit den Dingen des Lebens befasst und dabei die Heimat feiert, aber nie verherrlicht, sondern kritisch reflektiert.




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