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Kritik: Nebenan (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Die Idee zu seinem Regiedebüt "Nebenan" bekam Daniel Brühl, als er einmal in einem Lokal in Barcelona von einem Bauarbeiter wütend angestarrt wurde. Der Schauspieler wählte die deutsche Hauptstadt als Schauplatz der Filmhandlung, weil die Gentrifizierung dort in vollem Gange ist und mancherorts verschiedene soziale Schichten noch Tür an Tür leben. Brühl beauftragte den Schriftsteller Daniel Kehlmann ("Ich und Kaminski") mit dem Drehbuch für die kammerspielartige, bitterböse Dramödie. Mit dem Schauspieler, den er darstellt, verbinden Brühl außer dem Vornamen auch Eigenschaften wie Erfolg und ein Leben ohne finanzielle Not. Dass Daniel in der Nachbarschaft einen Feind hat, welcher als Wendeverlierer einen tiefen Groll gegen Leute wie ihn hegt, erfährt er in der altmodischen Kneipe "Zur Brust".

Daniel hätte doch wissen können, dass es die älteren Männer im Wirtshaus nicht schätzen, wenn jemand dort mit Knopf im Ohr wichtige, englische Telefongespräche führt. Aber Daniel hält sich irgendwie für den Nabel der Welt. Dem ehemaligen DDR-Bürger Bruno sagt Daniel auch einmal, dass er auf ihn, sein Leben, seine Meinungen pfeift. Aber so ganz stimmt das nicht, denn Daniel trifft es schon, dass Bruno den berühmten Stasi-Film, in dem er spielte, als westlich verlogen verreißt. Bruno scheint Filme zu mögen, manchmal wirkt es sogar, als spiele er mit dieser Geschichte irgendwie "Das Leben der Anderen" nach. Bruno hat Daniel bespitzelt, ganz privat. Sozialneid, soziale Ungerechtigkeit, biedere Ost- und dünkelhafte Westmentalität liefern sich in Gestalt dieser Männer ein schonungsloses Duell.

Brühl und Kurth können sich als Daniel und Bruno wunderbar gegenseitig hochschaukeln in ihrem Grimm, ihrem Kampf um die bessere moralische Position, ihrem Wunsch, es dem anderen zu zeigen. Während Bruno seinem Feind eine Lebenslüge nach der anderen unter die Nase reibt, schreit manchmal auch der einsam vor seinem Bier sitzende Micha dazwischen. Er kann über Gott und die Welt zetern, aber die Wirtin unterbindet die Störung sofort. Micha, aber auch Bruno scheinen die Schar der in der Gesellschaft gerne Überhörten zu symbolisieren, deren Erfahrungen unattraktiv, deren Ressentiments abwegig erscheinen. Die Stadt, das Land sind weniger dialogfähig, als es die jungen Überall-Telefonierer wahrhaben wollen. Diese bitterböse Satire trifft wiederholt schwungvoll ins Schwarze.

Fazit: In seinem Regiedebüt nach einem Drehbuch von Daniel Kehlmann spielt Daniel Brühl einen Schauspieler, der sich im Leben scheinbar auf der Überholspur befindet. Kurz vor dem Flug zu einem wichtigen Castingtermin lernt er in einer altmodischen Berliner Kneipe seinen Nachbarn Bruno kennen, einen Wendeverlierer, der nicht viel von seiner Schauspielkunst hält. In diesem satirisch-grimmigen Kammerspiel liefern sich Brühl und Peter Kurth ein spannendes Duell zweier ungleicher Charaktere in einer von Gentrifizierung betroffenen Stadt und halten der sozial gespaltenen, zum Dialog wenig fähigen Gesellschaft einen Spiegel vor.




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