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Drei Tage und ein Leben
Drei Tage und ein Leben
© Atlas Film © Die FILMAgentinnen - Nicolas Schul 2019 MAHI FILMS GAUMONT - FRANCE 3 CINEMA - GANAPATI - LA COMPANY UMEDIA - NEXUS FACTORY

Kritik: Drei Tage und ein Leben (2020)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Echte Krimistoffe sind im Kino rar geworden. So besitzt diese spannende Verfilmung des gleichnamigen Romans von Pierre Lemaitre schon einen gewissen Seltenheitswert. Der französische Regisseur Nicolas Boukhrief ("Made in France – Im Namen des Terrors") hat in den verregneten belgischen Ardennen eine aufregend zwischen Realismus und emotionaler Doppelbödigkeit pendelnde Geschichte inszeniert. Sie kreist um die Macht des Schweigens. Der zwölfjährige Antoine tötet unabsichtlich den kleinen Nachbarsjungen und verheimlicht die Tat. 15 Jahre danach und in einem kurzem Epilog noch einmal drei Jahre später folgt der Film Antoines (Pablo Pauly) Versuchen, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Um Antoine droht sich in der Art eines Film noir permanent die Schlinge zuzuziehen. Wie kann er, der noch ein Kind ist, der Unerbittlichkeit des Schicksals entkommen? Dem oft trüben Wetter entsprechend ist der dörfliche Alltag, wie ihn nicht nur der Junge erlebt, schon vor dem Unglück keine Idylle. Antoine sieht seine Mutter nur abends und kurz am Morgen, zu Gesprächen kommt es praktisch nicht. Der dörfliche Zusammenhalt ist spürbar, und doch sind die Menschen allein mit ihren Problemen. Rémis Vater bangt um seinen Arbeitsplatz, der Dorfarzt (Philippe Torreton) betäubt sich an Weihnachten mit lauter Musik. Dass es immer, auch wenn die Geschichte Jahre später im Dorf fortgesetzt wird, weihnachtet, kommt nicht von ungefähr. Dieses Fleckchen Heimat suggeriert seinen Bewohnern Geborgenheit und die Vorstellung einer heilen Welt, die auch in Zeiten der Not Halt bietet, wenngleich mit einem bitteren oder gar makabren Beigeschmack.

Nach und nach zieht die unvorhersehbare Geschichte ihre überraschenden Volten. So unwissend, wie sie tun, sind vielleicht nicht alle in Antoines Umgebung. Das Vereintsein im womöglich doppelbödigen Schweigen hat etwas Unheimliches. Jeremy Senez, der den jungen Antoine spielt, verleiht ihm eine Aura der stummen Verzweiflung, die bewegt. Sandrine Bonnaire überzeugt als alleinerziehende Mutter, die geübt ist in emotionaler Selbstbeherrschung.

Der Film nimmt sich Zeit, die Atmosphäre, die Beziehungen im Dorf, den Wandel im Lauf der Jahre zu schildern. Das wirkt nie langweilig. Einmal kehrt der erwachsene Antoine erneut zurück und fährt schlafend im Bus an den Baggern vorbei, die den Wald umkrempeln. Man möchte ihn am liebsten wachrütteln und warnen vor dem Dorf, an dem seine Bewohner so hängen.

Fazit: Ein Junge tötet im Affekt unabsichtlich das Nachbarskind und versteckt die Leiche im Wald. Er vertraut sich niemandem an, doch auch noch 15 Jahre später erweist sich seine Hoffnung, das Ereignis hinter sich zu lassen, als trügerisch. Dem Regisseur Nicolas Boukhrief ist ein fesselndes Krimidrama gelungen, das auf dem gleichnamigen Roman von Pierre Lemaitre basiert und um die Macht des Schweigens in einem belgischen Dorf kreist. Es pendelt geschickt zwischen nüchternem Realismus und emotionalen Abgründen.




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